Edith Feltgen: „Jeder Tag ist ein Geschenk!“

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Eine Zeitzeugin: Edith Feltgen ist Ehrenvorsitzende des Ratinger Klimabeirates. Foto: M. Machan

(mmm) Was wünscht sich eine Zeitzeugin, die nahezu ein komplettes Jahrhundert überblickt, zum Start ins neue Jahr 2026? „Weniger Krieg und mehr sichtbaren Frieden. Weniger das Recht des Stärkeren und mehr Völkerrecht“, sagt Edith Feltgen an diesem kalten Januarmorgen in ihrem Zuhause am Meiersweg. Die 98-Jährige ist Mitbegründerin und heutige Ehrenvorsitzende des Ratinger Klimabeirates, wurde einst als „Jeanne d’Arc des Klimaschutzes“ geadelt. Ein Ruf, den sie sich über Jahrzehnte mit Mut, Beharrlichkeit und immer wieder auch Unangepasstheit erarbeitet hat. Ihre Unerschrockenheit, aber auch die Lust auf Leben spürt man bis heute in ihrem Herzen. Feltgen gibt hochkonzentriert Auskunft, spricht druckreif und erinnert sich mit Freude und Dankbarkeit an Meilensteine ihres beruflichen wie gesellschaftlich engagierten Weges.

„Ich betrachte jeden Tag als Geschenk“, sagt die 1927 in Niedersachsen geborene Vorkämpferin für den Klimaschutz, die 1963 nach Ratingen kam. Und: „Ich bin dankbar, dass es mir gesundheitlich noch so gut geht. Die Defizite, die das Alter so mitbringt, sind nicht meine Messlatte. Es ermutigen mich so viele, die 100 Jahre voll zu machen.“ Sie selbst tut eine Menge dafür: Dreimal in der Woche geht Feltgen zum Fitness-Training, hat ein Abo für die Konzertreihe der Stadt, trifft sich einmal monatlich in einem kleinen, privaten Literaturkreis, um neue Belletristik zu diskutieren. Ein stilisiertes Fragezeichen als Alabaster-Kunstwerk in ihrem Wohnzimmer steht für ihr Lebensmotto: „Fragezeichen begleiten mein ganzes Leben. Eine lebenslange Suche.“

„Meine Umgebung hat mich für wahnsinnig erklärt.“

Ständiger Begleiter und roter Faden ihres Lebens ist das Engagement für Gleichberechtigung und den Klimaschutz. Man spürt es, je länger das Gespräch dauert: Mit dem Erreichten in Sachen Klimaschutz ist Feltgen nicht glücklich, auch wenn der Klimabeirat in der Vergangenheit immer wieder Antreiber für Themen wie die stadtweite Klimaanalyse, Klimaschutz-Konzepte und Maßnahmen zur Klimafolgenanpassung war. „Dass der Klimabeirat die Stadt berät, ist unsere Idealvorstellung. Wir vermissen indes konkrete Handlungen in Sachen Klimaanpassungen.“ Jahrzehntelange Mitgliedschaft im Naturschutzbund BUND, etliche Jahre an der Spitze des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs, Aufbauarbeit im Klimabeirat: „Umweltschutz ist ein mühsames Geschäft und hat gegenwärtig kein Rückenwind“, sagt Feltgen, die ihren Sinn des Lebens im Klimaschutz gefunden hat, im Streben danach „diese Erde zu bewahren und lebensfreundlicher für uns alle zu machen“.

Edith Feltgen hat Geduld. Ihre Beharrlichkeit hat sich letztlich ausgezahlt. Dass sie nach der Schule nicht studieren durfte („Eine anspruchsvolle Ausbildung war der Männerwelt vorbehalten.“), hat sie nicht geschreckt. Im Gegenteil: Nach vielen Jahren als Angestellte bei Calor-Emag entschied sie sich mit 41, ein Studium (Wirtschaftspädagogik in Köln) aufzunehmen. „Meine Umgebung hat mich für wahnsinnig erklärt. Aber ich hatte keine Scheu vor jungen Leuten, bin mit ihnen über Tische und Bänke gesprungen“, erinnert sie sich. Und: „Ich habe meine neue Freiheit von Herzen genossen.“ Dazu gehörte immer auch das Singen. Erst im Universitätschor in Köln, dann über Jahrzehnte als Protestantin im katholischen Kirchenchor von St. Peter und Paul. „Ich benötige Menschen um mich herum, das – und nicht irgendwelche Orte – ist meine Heimat“, erzählt Feltgen. Ratingen ist ihr in den vergangenen Jahrzehnten sehr ans Herz gewachsen, auch wenn sie sich die Ratinger Bevölkerung so manches Mal zugewandter wünschte, „mit mehr Mut und Bereitschaft zur Veränderung“. Wie meistert man mit 98 Lebensjahren den Alltag? „Ich habe das große Glück, dass ich seit meinem 90. Geburtstag, zu dem ich von ihr einen großen Blumenstrauß erhielt, wieder Kontakt zu meiner damaligen Auszubildenden bei Calor-Emag habe. Sie war damals 14 und ist 25 Jahre jünger als ich. Heute kümmert sie sich um mich. Ein großes Geschenk!“