Brücke von Ratingen nach Schlesien

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Vlad Ilstein, Vorsitzender des Kulturvereins Schalom e.V. beim traditionellen Laubhüttenfest in Ratingen West, Bild: Alexander Heinz
Vlad Ilstein, Vorsitzender des Kulturvereins Schalom e.V. beim traditionellen Laubhüttenfest in Ratingen West, Bild: Alexander Heinz

Ratingen | Die geplante Reise „Auf den Spuren von Leo Baeck und des jüdischen Erbes in Oberschlesien“ ist mehr als ein Besuch historischer Orte. Sie knüpft an eine Verbundenheit an, die längst besteht, zwischen Nordrhein-Westfalen, Ratingen und Schlesien, und sie soll diese Beziehungen weiter festigen. Denn die Verbindung ist nicht neu, sie ist gewachsen, historisch, kulturell und institutionell.

Dass die Reise von Ratingen ausgeht, ist deshalb folgerichtig. Mit dem Haus Oberschlesien und dem Oberschlesischen Landesmuseum besitzt die Stadt seit Jahrzehnten einen Ort, an dem schlesische Geschichte, Kultur und Gegenwart nicht nur bewahrt, sondern aktiv vermittelt werden. Die Stiftung Haus Oberschlesien sitzt seit 1972 in Ratingen, wird vom Land Nordrhein-Westfalen mitgetragen und versteht sich ausdrücklich als Zentrum kultureller Begegnung und grenzüberschreitender Verständigung. Gerade von hier aus lässt sich zeigen, dass Schlesien für viele Menschen in Nordrhein-Westfalen keine ferne Geschichtslandschaft ist, sondern Teil familiärer Erinnerungen, kultureller Prägung und europäischer Nachbarschaft.

Auch auf Landesebene ist diese Nähe klar belegt. Nordrhein-Westfalen und Schlesien verbindet seit Jahrzehnten eine enge Partnerschaft. Politische Beziehungen reichen bis 1964 zurück, im Jahr 2000 wurde eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, 2021 wurde die Regionalpartnerschaft erneuert. Heute umfasst sie Themen wie urbane Transformation, Digitalisierung, Mobilität, Gesundheit und den Austausch zwischen Kulturinstitutionen. Hinzu kommen zahlreiche kommunale Partnerschaften sowie die Zusammenarbeit zwischen dem Regionalverband Ruhr und der Metropolregion Kattowitz. Die Beziehung lebt also nicht nur aus der Vergangenheit, sondern aus gemeinsamen Zukunftsfragen.

Vor diesem Hintergrund bekommt auch der Fokus auf das jüdische Erbe in Oberschlesien besondere Tiefe. Die Reise erinnert an Leo Baeck, der von 1895 bis 1905 Rabbiner in Oppeln war und dort sein theologisches Wirken entscheidend prägte. Sein Name steht bis heute für geistige Klarheit, Verantwortung und Dialogfähigkeit. Dass sein Weg Oppeln, Düsseldorf und das deutsche Judentum miteinander verbindet, macht ihn zu einer Symbolfigur genau jener Brücken, die diese Reise sichtbar machen will.

Zugleich reicht die Verbindung bis in die Gegenwart Ratingens hinein. Der Jüdische Kulturverein Schalom Ratingen versteht seine Arbeit selbst als Brückenbau zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religionen und Generationen. Mit mehr als 150 Mitgliedern und jährlich rund 1.100 Teilnehmenden an Veranstaltungen steht der Verein für einen lebendigen Dialog vor Ort. Wenn sich nun Akteure aus diesem Umfeld mit dem Haus Oberschlesien auf den Weg nach Oberschlesien machen, dann entsteht daraus mehr als Erinnerungspflege. Es ist der Versuch, bestehende Beziehungen zu vertiefen und aus gemeinsamem Erbe neue Zusammenarbeit entstehen zu lassen.

So erzählt diese Reise auch etwas über Ratingen selbst. Die Stadt ist in diesem Fall nicht bloß Ausgangspunkt, sondern Teil einer Achse, die vom Rheinland nach Schlesien führt. Es geht um Geschichte, um Verantwortung und um die Erkenntnis, dass europäische Verbundenheit dort besonders glaubwürdig wird, wo sie konkrete Orte, Institutionen und Menschen hat. Genau das soll diese Reise stärken, und eine Brücke bauen auf der in naher Zukunft viele Menschen gehen können.