Zwischen Erinnerung und Lebensfreude

0
11
Blick über Ratingen und die Wälder in Richtung Osten, Bild: Nestocom
Blick über Ratingen und die Wälder in Richtung Osten, Bild: Nestocom

Ratingen | Wer auf die Geschichte Ratingens blickt, sieht keine glatte Erzählung, sondern eine Stadt mit hellen und dunklen Kapiteln, mit Aufbruch, Brauchtum, Verlust und neuem Zusammenfinden. Gerade das macht ihren historischen Kern aus. Ratingen ist kein Ort ohne Wunden, aber ein Ort mit Gedächtnis. Und vielleicht liegt genau darin die besondere Stärke dieser Stadt: dass sie gelernt hat, sich ihrer Geschichte zu stellen, ohne darüber das Miteinander, das Feiern und die Freude am gemeinsamen Leben zu verlieren.

Besonders schwer liegt bis heute der 6. April 1945 auf der Stadtgeschichte. In den letzten Kriegswochen wurden im Kalkumer Wald elf Zwangsarbeiter ermordet. Die offizielle Stadtchronik zählt dieses Verbrechen neben dem schweren Luftangriff vom 22. März 1945 und dem Einmarsch amerikanischer Truppen am 17. April 1945 zu den drei einschneidenden Ereignissen jener letzten Wochen des Krieges in Ratingen. Die Stadt befand sich damals in einem Zustand zwischen Zerstörung, Angst, Zusammenbruch und dem nahenden Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Die Front rückte näher, die Ordnung zerfiel, und mitten in diesem Untergang geschah noch ein mehrfacher Mord, der bis heute Mahnung bleibt.

Doch Ratingens Geschichte besteht nicht nur aus Leidenszeit. Ein anderer April führt in die Jahre der Revolution von 1848. Auch in Ratingen griff damals die politische Bewegung nach Freiheit, Mitwirkung und Ordnung. Bei einem Blick ins Stadtarchiv wird deutlich, wie sich die Idee einer Bürgerwehr beziehungsweise Bürgergarde aus dem Bedürfnis speiste, in unsicheren Zeiten die öffentliche Ordnung, die Sicherheit von Person und Eigentum und die Bindung an Recht und Verfassung zu schützen. Die Bürgerwehr war damit nicht eine lokale Besonderheit, sondern Ausdruck eines bürgerlichen Selbstbewusstseins, das Verantwortung für die Stadt übernehmen wollte. Sie steht in Ratingen bis heute sinnbildlich für jenen Moment, in dem Bürgersinn und politischer Wille sichtbar zusammenfanden.

Ebenso fest verwurzelt ist Ratingens Bezug zum Brauchtum. Die Bibliografie des Stadtarchivs verweist auf den Holzfahrtag im alten Ratingen, beschrieben als Brauchtum an einem Frühlingsfest im Walde, und auf ein Ratinger Volksfest in der Biedermeierzeit. Beides zeigt: Das gemeinsame Feiern, das ritualisierte Zusammenkommen und das Erleben von Stadtgemeinschaft sind keine neuen Erfindungen, sondern tief in der örtlichen Tradition verankert. Brauchtum war hier nie bloß Folklore. Es war und ist ein sozialer Kitt, der Menschen über Generationen, Milieus und unterschiedliche Lebenswelten hinweg miteinander verbindet.

Vielleicht ist es genau diese Spannung, die Ratingen so besonders macht. Eine Stadt, die sich an ihre Schattenseiten erinnert, aber nicht in ihnen stehenbleibt. Eine Stadt, die um Schmerz weiß und dennoch Feste feiert. Eine Stadt, in der Geschichte nicht nur in Archiven liegt, sondern im gelebten Miteinander fortwirkt, auf Plätzen, bei Umzügen, in Vereinen, in Gesprächen und in jenem stillen Einverständnis, dass Gemeinschaft etwas ist, das man immer wieder neu schaffen muss. So bleibt Ratingen nicht nur lebenswert, sondern auch liebenswert, weil es seine Menschen auf eine besondere Art zusammenhält.

Und deshalb führt der Blick am Ende noch einmal zurück zum 6. April 1945. Die elf im Kalkumer Wald ermordeten Zwangsarbeiter gehören zur Geschichte dieser Stadt, und sie dürfen aus ihr nicht verschwinden. Erinnerung ist hier keine Nebensache, sondern Verpflichtung. Richard von Weizsäcker hat dafür einen Satz geprägt, der bis heute gilt: „Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“ Den Opfern von damals gerecht zu werden, heißt deshalb nicht nur zu gedenken, sondern wach zu bleiben, menschlich zu bleiben und die Würde jedes einzelnen Menschen immer neu zu verteidigen.