Ratingen | Zwei Jugendliche sterben innerhalb weniger Tage im Rhein-Herne-Kanal in Gelsenkirchen, ein weiterer wird lebensgefährlich verletzt. Es ist Sommer, und die Nachrichten über Badeunfälle häufen sich wieder. Erschütternd – aber nicht überraschend.
Denn die Warnungen gibt es seit Jahren. Von der DLRG, von Feuerwehren, von Rettungskräften. Immer wieder, immer im Sommer, immer mit denselben Erkenntnissen: Zu viele Kinder und Jugendliche können nicht sicher schwimmen. Zu viele unterschätzen offene Gewässer.
Warum ist das so?
Weil Schwimmenlernen längst nicht mehr selbstverständlich ist. In den vergangenen Jahrzehnten wurden Bäder geschlossen, Wasserzeiten gekürzt, Kursangebote ausgedünnt. Was früher für die meisten Kinder zum Aufwachsen gehörte, hängt heute von freien Kursplätzen, verfügbaren Eltern, erreichbaren Bädern und bezahlbaren Angeboten ab.
In Ratingen ist die Lage noch vergleichsweise gut. Georg Mantyk, der mit „leichterschwimmen” seit Jahren Schwimmkurse anbietet, sagt: „Wir können uns hier eigentlich glücklich schätzen.” Allwetterbad, Hallenbad Lintorf, Hallenbad Mitte und Freibad – für eine Stadt unter 100.000 Einwohnern ist das eine beachtliche Ausstattung. Doch auch hier gibt es zu wenig freie Wasserflächen für zusätzliche Kurse, zumal die Bäder auch von Besuchern aus dem Umland genutzt werden.
Kleine Gruppen, großes Problem
Mantyk setzt auf enge Betreuung: Beim Seepferdchen-Kurs betreut er maximal fünf Kinder pro Lehrkraft, beim Seeräuber acht, bei Bronze, Silber und Gold höchstens zehn. Guter Unterricht sei anders kaum möglich.
Doch er beschreibt auch ein strukturelles Problem, das über Ratingen hinausgeht. Viele verfügbare Schwimmzeiten liegen am frühen Nachmittag – genau dann, wenn Kinder noch in der OGS oder Ganztagsbetreuung sind. Eltern arbeiten voll, Wochenenden sind durchgetaktet. Regelmäßiges Üben bleibt so schnell auf der Strecke.
Das Seepferdchen ist kein Freifahrtschein
Besonders wichtig ist Mantyk ein Punkt, der oft missverstanden wird: Das Seepferdchen ist ein Anfang – nicht mehr. Kinder sollten die Grundschule nicht nur mit dem Seepferdchen verlassen, sondern mindestens mit dem Bronzeabzeichen. Erst dann seien sie belastbarer im Wasser und könnten vielerorts überhaupt allein ins Schwimmbad gehen.
Und selbst das reicht nicht für offene Gewässer. Kanäle, Flüsse und Seen sind keine Schwimmbäder. Dort gibt es Strömungen, Sogwirkung, kalte Wasserschichten, steile Ufer und keine Aufsicht. Badeverbote können Leben retten – aber kein Schild bringt einem Kind das Schwimmen bei.
Was Ratingen tun kann
Mantyk denkt bereits über neue Wege nach, etwa mobile Schwimmcontainer, in denen kleine Gruppen gezielt unterrichtet werden können. Die grundlegende Frage aber bleibt: Haben wirklich alle Kinder in Ratingen eine faire Chance, sicher schwimmen zu lernen – unabhängig davon, wo sie wohnen, was ihre Eltern arbeiten und was sie sich leisten können?
Die Antwort darauf entscheidet mit darüber, ob der Sommer unbeschwert bleibt. Oder ob es wieder Nachrichten gibt, die erschüttern, aber nicht überraschen.





