Dieter Nuhr: „Der Raserei der Bilderflut etwas Geruhsames entgegensetzen“

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Neue Werke von Dieter Nuhr sind Mitte April in Düsseldorf zu sehen. Und in Ratingen? „Wenn mich jemand anspricht, bin ich gerne dabei. Ich würde mich freuen. Es wird mal wieder Zeit.“ Foto: Nuhr

(mmm) Dieter Nuhr ist einer der bekanntesten Satiriker Deutschlands, hat eine eigene TV-Sendung in der ARD, füllt große Hallen mit seinen Shows. Weniger bekannt ist seine zweite künstlerische Seite. Der in Ratingen lebende 65-Jährige ist bildender Künstler, stellt u.a. in Venedig und Florenz, in München wie auf Sylt aus.

Nach einem Kunststudium mit Schwerpunkt Malerei widmet er sich heute der konzeptuellen Fotografie. Reisend erkundet er die Welt, dokumentiert abseitige Welten, verwandelt diese in Bilder, oft mit einem melancholischen Blick auf die Rätselhaftigkeit des Daseins. Neue Werke von ihm sind auf der ART Düsseldorf (16. bis 19. April, Areal Böhler) zu sehen.

Lieber Dieter Nuhr, auf der ART Düsseldorf gibt es neue Werke von Ihnen. Worauf dürfen sich die Kunstinteressierten freuen?

Wandbilder. Mit anderen Worten: Eher Meditatives. Eher rührend als provokant, eher beschaulich als aufwühlend… Meine Bilder setzen der Raserei der Bilderflut etwas Geruhsames entgegen. Man kann sich darin versenken. Muss aber nicht.

Ihrer Bühnen- und Fernsehkarriere ging ja eine malerische Ausbildung und künstlerische Tätigkeit voraus. Sie sind als Maler gestartet und haben sich dann dem Medium der Fotografie zugewandt …

Als ich studierte, haben alle gemalt. Ich wollte objektivere Bilder, Bilder, die sich direkt aus dem real Sichtbaren ableiten. Dann habe ich Kameras gebaut, die ohne Linsen funktionierten, nur über ein kleines Belichtungsloch. Die Bilder, die daraus entstanden, hatten einen hohen Abstraktionsgrad. Irgendwann habe ich dann gedacht, dass die Fotos, die ich auf Reisen machen, auch einen dokumentarischen Anteil haben sollte. Ich habe dann „normale“ Kameras verwendet. Das Motiv wurde wieder sichtbarer. Noch heute sind meine Bilder immer auf dem Grad zwischen Naturalismus und Abstraktion. Ich zeichne viel und male wieder.

Lässt die erfolgreiche Tätigkeit als Bühnenkünstler noch Zeit für ein zweites Künstlerleben?

Ich trenne die Leben einfach nicht. Ich war vor Kurzem noch in Malaysia, dann komme ich mit Bildern wieder und mit Texten.

Malerei mit Mitteln des 21. Jahrhunderts

Ihre Fotografien bearbeiten Sie mit einem digitalen Pinsel. So entstehen Werke an der Schwelle zwischen Fotografie und Malerei. Was ist die künstlerische DNA von Dieter Nuhr?

Ich experimentiere gern. Meine digitalen Pinsel programmiere ich selbst. Das zu lernen war recht aufwändig. Da hat mir die Corona-Pandemie geholfen: Die Auftritte fielen aus. Ich hatte plötzlich Zeit. Seitdem benutze ich eine sehr individuelle Technik der Bilderzeugung, die ich so woanders noch nie gesehen habe. Das ist Malerei mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts.

Ist Ihre Kunst auch eine „Auszeit“ von der öffentlichen Person Dieter Nuhr?

Ich lebe ja privat eher zurückgezogen, nehme aber ganz normal am Leben teil. Ich brauche keine Auszeit. Das gehört alles zusammen.

Sie unterziehen Ihre Fotografien einer malerischen wie grafischen Bearbeitung. Die Botschaft dahinter: Das Verschwinden des Realen in der Erinnerung sichtbar machen, mithin ein Remix des bereits Erfahrenen?

Jede künstlerische Arbeit ist ja ein Remix des Erlebten. In meinen Bildern geht es in der Tat um das Verschwinden des Erlebten. Was dann in den Bildern wieder auftaucht, ist ja nicht wirklich dokumentarisch, sondern eher eine Neuschöpfung

In Ihren Landschaften stellen Sie sich, so vermute ich, ganz bewusst gegen den apokalyptischen Zeitgeist, melancholisch ist zwar manches, aber dennoch ein Feiern des Faszinosums namens Natur, oder?

Ich finde, es muss auch heute noch möglich sein, die Welt nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt ihres baldigen Untergangs zu betrachten. Endzeitangst ist ja eine urdeutsche Eigenart, spätestens seit der Romantik. Als Öko-Sozialisierter habe ich selber lange an das nahe Weltenende geglaubt. Jetzt bin ich Mitte 60 und lebe noch. Ich habe so viele hochwissenschaftlich angekündigte Weltuntergänge überlebt, dass ich ehrlich gesagt überzeugt davon bin, dass sich Probleme lösen lassen und der Glaube an das baldige jüngste Gericht eine kulturell bedingte Schrulle unserer seit den 70ern linksgrün dominierten Kultur ist.

Ratingen feiert in diesem Jahr sein Stadtjubiläum, im Museum Ratingen haben Sie zuletzt im Jahr 2015 ausgestellt. Man sieht Ihre Werke in Dakar und Venedig – aber wann sieht man mal wieder „einen echten Nuhr“ in Ratingen?

Gerne wieder im Museum. Wenn mich jemand anspricht, bin ich gerne dabei. Vielleicht frage ich selbst mal nach. Ich würde mich freuen. Es wird mal wieder Zeit.