Ratingen-Lintorf | Die Street-Art-Ausstellung „LAUT” des Kölner Künstlers Tim Ossege alias seiLeise ist am Freitagabend mit einer Finissage am KunstBüdchen an der Speestraße zu Ende gegangen. Seit dem 26. Juni hatte die Aktion Lintorf in einen begehbaren Ausstellungsraum verwandelt.
Ein Ortsteil wird zur Bühne für Urban Art
Rund 50 Arbeiten Osseges waren über den gesamten Ort verteilt. Sie warteten an Mauern, Zäunen, Fassaden und Stromkästen darauf, entdeckt zu werden. Eine Karte gab erste Hinweise auf eine mögliche Route, verriet die genauen Standorte der einzelnen Interventionen im Stadtraum jedoch bewusst nicht. Die Suche selbst sollte Teil des künstlerischen Konzepts werden – ganz im Sinne einer Kunst, die sich nicht im White Cube versteckt, sondern den öffentlichen Raum als Trägermedium nutzt.

Unterschiedliche Wege zur Kunst
Bei der Finissage im und vor dem KunstBüdchen von Sabine Tünkers zeigte sich, wie vielfältig die Annäherung an „LAUT” ausfiel. Manche Besucher hatten sich auf den kompletten Pfad durch Lintorf begeben, um möglichst alle Pieces aufzuspüren. Andere bauten die Ausstellung über Wochen in ihren Alltag ein: ein tägliches Motiv, ein kleiner Umweg beim Einkaufen, ein neues Ziel beim Spaziergang durchs Dorf.
Wieder andere stießen zufällig auf ein Werk, blieben stehen und erfuhren erst im Gespräch mit anderen Passanten, dass es Teil einer größeren Gesamtinstallation war.
Street Art trifft dörflichen Alltag
Genau darin liegt die besondere Stärke des Projekts. Osseges Arbeiten warteten nicht darauf, dass Menschen eine Galerie betraten – sie kamen den Betrachtern entgegen, mitten in deren gewohnte Wege und Routinen. An Ecken, die sonst achtlos passiert werden, entstand für einen Moment ein neuer Blick auf das Vertraute. Diese Verschiebung der Wahrnehmung, das bewusste Aufbrechen habitualisierter Blickgewohnheiten, gehört zu den zentralen Anliegen zeitgenössischer Urban Art.
Das entspricht der künstlerischen Handschrift des 1984 in Köln geborenen Tim Ossege. Seit 2010 bewegt er sich unter dem Pseudonym seiLeise an der Schnittstelle von Street Art, Urban Art und Kunst im öffentlichen Raum. Seine oft poetischen, mitunter melancholischen und gesellschaftskritischen Arbeiten setzen nicht auf laute Selbstinszenierung, sondern auf das leise Moment der Entdeckung.
Vom Lockdown-Format zur Dorf-Intervention
Seine sogenannte „Bildersuche” entwickelte Ossege bereits 2020 während der Corona-Zeit in Köln. Die Grundidee: Menschen über Hinweise auf eine Entdeckungsreise schicken und dadurch ihre Wahrnehmung des öffentlichen Raums verändern. Für Lintorf wurde das Konzept erstmals von einem urbanen Setting auf einen fast dörflichen Raum übertragen. Getragen wurde das Projekt unter anderem vom KunstBüdchen, vom Heimatverein sowie von zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern.

Wie tief die Ausstellung inzwischen im Ortsleben verwurzelt war, zeigte sich auch daran, dass der Heimatverein gemeinsam mit der Katholischen Öffentlichen Bücherei einen Ferien-Malwettbewerb für Kinder ins Leben rief. Die jungen Teilnehmer sollten ihr Lieblingsmotiv aus der Ausstellung nachmalen.
Zwischen Abschied und Aufbruch
Bei der Finissage hatte fast jeder Besucher längst seinen persönlichen Favoriten unter den Werken gefunden. Einigkeit herrschte trotz aller Vielfalt in einem Punkt: Die Ausstellung war ein Volltreffer. Inspirierend, überraschend und vor allem kommunikativ – vor den Bildern blieben Menschen nicht nur stehen, sie kamen ins Gespräch. Über Kunst, über einzelne Motive und manchmal schlicht darüber, wo sich das nächste Werk verstecken könnte.
Am letzten Abend mischte sich in die Begeisterung deshalb auch ein wenig Wehmut. Der Wunsch nach einer Wiederholung war oft zu hören, ebenso die Frage, ob sich eine solche Aktion überhaupt noch toppen lasse.

Wer Sabine Tünkers und ihr KunstBüdchen kennt, dürfte diese Sorge gelassen sehen. Dort gehört es fast schon zum Konzept, immer noch einen Pfeil im Köcher zu haben.
Die Finissage von „LAUT” war deshalb am Ende weniger ein Abschied als ein neugieriger Blick nach vorn. Lintorf hat in diesen Wochen erlebt, was geschehen kann, wenn Kunst nicht nur ausgestellt wird, sondern mitten unter die Menschen geht. Wohl einige Lintorfer werden in den kommenden Tagen automatisch noch einmal genauer hinschauen, wenn sie an einer Hauswand, einem Zaun oder einem Stromkasten vorbeikommen.




