Vlad Ilstein: „Wir öffnen unsere Türen für alle“

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Vlad Ilstein ist Vorsitzender des Vereins „Schalom Ratingen“. Foto: Alexander Heinz

(mmm) Vlad Ilstein sieht sich als Brückenbauer, einer für den – unabhängig jedweder Religion – gegenseitiger Respekt und gemeinsames Handeln der Schlüssel zu einer friedlichen Zukunft sind. Als Vorsitzender des Vereins „Schalom Ratingen“ sei es für Ilstein gerade in Zeiten globaler Spannungen unabdingbar, Vertrauen zu schaffen, gegen Rassismus und Antisemitismus einzustehen. Ob jüdischer oder muslimischer Glaube, im Austausch mit dem 45-Jährigen wird schnell deutlich, dass Judentum und Islam trotz unterschiedlicher Traditionen viele Gemeinsamkeiten, wie die ethischen Werten von Barmherzigkeit und Mitgefühl, teilen.

Der gut 200 Mitglieder starke Verein „Schalom Ratingen“ steht für jüdisches Leben – die Wurzeln in der Dumeklemmer-Stadt reichen bis ins Jahr 1414 zurück -, Aufklärung und vor allem für den Dialog mit der Stadtgesellschaft. Er ist eine Anlaufstelle, die Begegnung und kulturellen Austausch fördert. Ilstein: „Wir wollen eine Brücke schaffen, die von Respekt, Offenheit und Vertrauen getragen wird, eine Brücke, die Menschen unabhängig von ihrer Religion verbindet und die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft stärkt.“

Hoffnung auf eine friedliche Zukunft

Bis dahin scheint es noch ein langer Weg. Panzerglas und Kameras sichern die Räumlichkeiten des Vereins an der Mülheimer Straße, erst tags zuvor wurde der in Litauen geborene Ilstein in Düsseldorf antisemitisch beleidigt, mehrfach fällt in unserem Gespräch die Bitte „aber das schreiben sie besser nicht“. Und dennoch scheint Ilstein in sich zu ruhen, schwärmt immer wieder von der Herzlichkeit und Offenheit, der zugewandten Atmosphäre der Ratinger Stadtgesellschaft. „Ratingen ist meine Heimat“, sagt er. Und natürlich der Verein, den es seit einem Vierteljahrhundert gibt und dessen Vorsitzender er ist: „Der Verein ist mein Leben!“

Unter Ilsteins Ägide hat der jüdische Verein einen Generationswechsel vollzogen. Das Eintreten gegen Rassismus und Antisemitismus sowie die Integration jüdischer Flüchtlinge in die deutsche Gesellschaft stehen aktuell zwar weiterhin im Vordergrund. Aber Ilstein hat einige Zukunftsprojekte angestoßen, die die Mitgliederzahlen des Vereins zuletzt binnen kürzester Zeit um 30% wachsen ließen. Dazu zählen u.a. eine „Startup“-Aktion für Schulkinder, die Kompetenzen in puncto Wirtschaftsmathematik, Rhetorik und Englisch vermittelt, eine in Vorbereitung befindliche Kunstausstellung sowie die Zusammenarbeit mit der Stiftung Haus Oberschlesien, die mehr als eine Absichtserklärung ist. Denn bereits Mitte April macht sich eine gemeinsame Delegation auf den Weg nach Oppeln, Gleiwitz und Kattowitz. Ilstein: „Begegnungen vor Ort mit Menschen und Institutionen, die sich für die Bewahrung jüdischer Geschichte engagieren sind ungemein wertvoll.“ Die Reise nach Polen ist nicht seine einzige in diesem Frühjahr. In Litauen, wo noch ein Teil seiner Familie lebe, sei er für die Vorbereitungen eines deutsch-litauischen Kulturjahres 2027 in Deutschland eingebunden. Da muss die Leidenschaft für Boccia erst einmal ein wenig zurückstehen.

Zurück zu „Schalom“ nach Ratingen: Entscheidend sei der Wille der Mitglieder, gemeinsam mit den anderen Kulturen und Religionen ins Gespräch zu kommen. „Wir öffnen unsere Türen für alle“, bringt dies Ilstein auf den Punkt. So werden jüdische Feste, wie zuletzt Purin Anfang März, in der Öffentlichkeit gefeiert. Und das möglichst unter der Teilnahme christlicher und moslemischer Vertreter sowie Unterstützern aus Politik, Verwaltung, Brauchtum und Gesellschaft. Jüdisches Leben in Ratingen ist sichtbar und selbstverständlich. Längst haben die Aufgeschlossenheit und die Präsenz im öffentlichen Bewusstsein der Stadt dazu geführt, dass der Verein zum Vorbild für jüdische Gemeinschaften weit über die Stadtgrenze hinaus geworden ist. „Für uns ist ein friedliches Miteinander das Wichtigste“, so Ilstein.