(mmm) Wenn Dr. Chahine Kechaou sein Motorrad am Fliedner Krankenhaus in Ratingen-Lintorf abstellt, reiben sich Kollegen wie Mitarbeiter die Augen. Ein Chefarzt, der mit dem Motorrad kommt, das gab es in der langen Geschichte des Hauses – den Standort gibt es seit 1879, er war einst die älteste Klinik europaweit für suchterkrankte Menschen – auch noch nicht. Dr. Kechaou steht nicht nur für Kontinuität und Weiterentwicklung, er sorgt auch spürbar für Aufbruch und frischen Wind. „Unsere Visionen nehmen konkrete Gestalt an, erste Weichen sind gestellt“, hieß es in der Einladung zur offiziellen Vorstellung des 41-Jährigen Anfang Mai.
Der zweifache Familienvater ist dem Haus seit Januar 2025 eng verbunden. Als ehemaliger stellvertretender Chefarzt und Mitglied der Betriebsleitung kennt er die Strukturen, Teams und fachlichen Schwerpunkte des Krankenhauses mit seinen 160 Betten (stationär) sowie 15 Plätzen in der Tagesklinik (sollen auf 36 erhöht werden) bereits sehr genau. In seiner neuen Funktion übernimmt der in Tunesien geborene Mediziner jetzt die Gesamtverantwortung für die psychiatrische Versorgung auf dem Campus mit seinen 240 Mitarbeitenden, darunter sechs Ober- und zwölf Assistenzärzte. „Ich freue mich über die neue Aufgabe und darauf, die Zukunft des Hauses gemeinsam mit einem starken Team zu gestalten“, sagt Dr. Kechaou im Gespräch mit Unser Ratingen. Und: „Mir ist es besonders wichtig, moderne, wissenschaftlich fundierte Behandlung mit einer zugewandten, menschlichen Haltung zu verbinden. Genau das prägt unsere Arbeit hier im Fliedner Krankenhaus.“
„Die Sprache ist der Schlüssel für alles“
Einen Plan-B zur Mediziner-Karriere hat es für Dr. Kechaou nie gegeben: „Meine Mutter ist Krankenschwester, mein Bruder ist Krankenpfleger.“ Studiert (Allgemeinmedizin) hat er zunächst in seinem Heimatland, 2014 fiel dann bewusst die Entscheidung für Deutschland, „weil ich mich spezialisieren wollte und Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme weltweit hat.“ Zunächst jedoch hatte Dr. Kechaou in Düsseldorf intensiv Deutsch gelernt, fünf Tage die Woche, sechs Stunden täglich. „Die Sprache ist der Schlüssel für alles. Ohne Sprache kann man die kulturellen Hintergründe, die für die Psychiatrie wichtig sind, nicht verstehen. Ich muss verstehen, wie ein Patient denkt. Daher habe ich viel Kraft in den Erwerb der deutschen Sprache gesteckt.“
Dr. Chahine Kechaou fühlt sich sichtbar wohl in der Region, hat inzwischen längst die deutsche Staatsbürgerschaft erworben. „Heimat ist da, wo ich Verantwortung tragen kann und meine Familie ist, also hier“, sagt er. Zuhause ist er in Mönchengladbach-Wickrath, bedingt durch seine vorherige Station in der dortigen LVR-Klinik. Aber längst hat er mit seiner Familie Ratingen mit dem Fahrrad erkundet, schätzt insbesondere den Löwenbrunnen auf dem Marktplatz. „Ich fühle mich wohl hier, bin herzlich willkommen geheißen worden.“ Dabei hatte er den Chefarzt-Posten zunächst ausgeschlagen, wohl auch in der Sorge, in dieser Rolle nicht mehr so nah bei den Patienten sein zu können.
Jetzt sieht sich Dr. Kechaou als Brückenbauer für die Klinik („Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden wie dem Sozialpsychiatrischen Dienst in Ratingen.“) und den Menschen in der Stadt, denn die Psychiatrie leide noch immer unter ihrer Stigmatisierung, weil den Menschen einfach Informationen fehlten. Vor allem aber möchte der Mediziner die Versorgungsqualität für die Patienten auf ein neues Niveau heben.
Als Lehreinrichtung der Ruhr-Universität Bochum bietet das Fliedner Krankenhaus für Ratingen und den Duisburger Süden ein breites Spektrum moderner psychiatrischer Versorgung an: von stationären und teilstationären Angeboten bis hin zur ambulanten Begleitung. Behandelt werden u.a. Depressionen, Angststörungen, Psychosen, Suchterkrankungen und Demenzen. Claudia Ott, Fachvorständin der Theodor-Fliedner-Stiftung: „Mit Dr. Kechaou haben wir eine fachlich sehr versierte Führungspersönlichkeit gewonnen. Die Kombination aus Erfahrung und neuen Impulsen ist genau das, was wir für die künftige Ausrichtung brauchen.“





