Ratingen | Kunst nur ehrfürchtig mit gefalteten Händen und zwei Metern Sicherheitsabstand zu betrachten ist eine Sache, die man machen kann. Aber wer betrachten und erleben möchte, ist in der 1880. Urban Gallery genau richtig.
An der Lintorfer Straße 25 geht es direkt zur Sache: Farbe, Rost, Spray, Acryl, Pop-Art, Stencil, Mixed Media – und gern auch ein Motiv, das zurückguckt. Am Samstag, 5. September, eröffnet die Galerie ab 18 Uhr ihre neue September-Ausstellung. Der Eintritt ist frei, Drinks und Snacks gehören ebenso dazu wie Live Painting mit Oliver Madlener.
Die Ausstellung läuft anschließend bis zum 30. September.
Kunst mitten in der Stadt statt im Elfenbeinturm
Dass die Urban Gallery inzwischen ziemlich selbstverständlich zum Ratinger Kunstbetrieb gehört, liegt daran, dass ihre Macher nicht viel von Schwellenangst halten und vielschichtige Ansichten über die „Ware“ Kunst haben. Patrick Hoffmann arbeitet als Skulpteur und kombiniert Stein unter anderem mit Edelmetallen und Alltagsobjekten. Dennis Scheidtsteger alias LackUp bringt seine Stencil-Art bevorzugt auf Untergründe, die vorher kaum jemand für galerietauglich gehalten hätte – etwa alte Straßenschilder. Rob Richardson wiederum macht aus Vintage-Möbeln Kunstobjekte und experimentiert mit „Chemical Art“. Fotograf Philipp Bobon komplettiert das Team mit Natur-, Architektur- und urbanen Motiven.
Das Konzept dahinter ist simpel und ziemlich wirksam: Kunst soll nicht nur im Elfenbeinturm wohnen, sondern auch mitten in der Stadt stattfinden. Diese Haltung hatte die Galerie zuletzt bei ihrer Kunstmeile zum Genießer-Wochenende gezeigt, als sie die Lintorfer Straße gleich mit zum Ausstellungsraum erklärte.
Italienische Ordnung trifft kontrollierten Zufall
Eine der neuen Positionen kommt von Giulia Gasparella. Die aus Vicenza stammende Künstlerin lebt seit 2019 in Deutschland und arbeitet autodidaktisch. Ihre abstrakten Bilder leben vom Gegensatz: klare Linien hier, intuitive Farbflächen dort. Für die Ratinger Ausstellung bringt sie unter anderem ihre Reihe „Golden Lines“ mit. Spachtel- und Klebetechniken treffen auf spontane Malerei, Geometrie auf Zufall. Das sieht nicht nach mathematischer Hausaufgabe aus – eher so, als hätten sich Ordnung und Chaos irgendwann darauf verständigt, gemeinsam ein Bild zu machen.
Alessandro Böhme malt lieber los, als lange zu erklären
Alessandro Böhme aus Würzburg bewegt sich zwischen abstrakter Malerei und Pop Art. Sein Prinzip: nicht jeden Schritt vorher festlegen. Acryl, Sprayfarben, unterschiedliche Materialien und spontane Entscheidungen bauen seine Bilder Schicht für Schicht auf.
Dass das kein kurzfristiger Ausflug in die Kunst ist, zeigt seine bisherige Vita. Bereits 2023 war Böhme bei den Würzburger „Kulturpunkten“ mit abstrakten Arbeiten vertreten; auch der Verlag Königshausen & Neumann machte ihn zum Künstler seines damaligen Katalogcovers. In Würzburg verbindet Böhme Kunst inzwischen sogar mit seiner zweiten Leidenschaft: Als DJ Santropolis brachte er 2025 bei einem „Rave & Paint“ Clubmusik und Malerei zusammen.
Passt also ziemlich gut nach Ratingen: Erst malen, dann darüber diskutieren – und nicht andersherum.
Tanja Reuer: bitte nicht auf einen Stil festnageln
Bei Tanja Reuer ist der Versuch einer sauberen Schubladierung ohnehin zum Scheitern verurteilt. Leinwand, Holz, Pappe oder Porzellan; Acryl, Bleistift, Spraypaint oder Pastell – benutzt wird, was das Bild verlangt. Die freischaffende Autodidaktin bewegt sich zwischen Urban Art, Contemporary Portrait und expressiver Mixed-Media-Kunst.
In Ratingen zeigt sie die Serie „Cheeky Girls“: laut, farbig, körperlich und durchaus provokant. Reuer arbeitet gern dort, wo Popkultur und klassische Vorstellungen von Schönheit aneinandergeraten. Dass ihre Kunst gerne Grenzen testet, gehört zum Konzept, nicht zum Betriebsunfall.
Katja Hah: bunt, direkt und mit Haltung
Auch Katja Hah aus Nürnberg ist nicht für beige Zurückhaltung zuständig. Ihre Arbeiten verbinden expressive Farben, Stencil- und Spraytechniken mit gesellschaftlichen Themen. Sie selbst beschreibt ihre Kunst passend mit „knallig, bunt, direkt“. Schon länger verbindet sie Acrylmalerei mit Collagen und Textfragmenten; entsprechende Arbeiten waren bereits bei Kunstausstellungen in Franken zu sehen.
Werke wie „Not My Church“ oder „Fight Back“ machen dabei recht unmissverständlich klar: Das hier ist keine dekorative Wandfüllung. Die Bilder wollen gesehen werden – und gelegentlich widersprechen.
Zwei Typen, vier Gehirne – Bepolah
Den vielleicht schönsten selbstironischen Arbeitsbeschrieb liefern Dennis und Rob alias Bepolah gleich selbst: „Two Dudes. Four Brains.“ Mehr als 20 Jahre nach gemeinsamen Jugendtagen fanden die beiden wieder zusammen und machten daraus ein Kunstprojekt. Seit 2025 verbindet Bepolah Scheidtstegers präzise Stencil-Art mit Richardsons Rost- und Betonoberflächen.
Das Spannende daran ist der Gegensatz: Material darf altern, rosten, fleckig und roh aussehen – darauf treffen gestochen klare urbane Motive. Ausgerechnet die scheinbare Vergänglichkeit wird dabei zum Bildträger. Dass Bepolah ohnehin zum künstlerischen Stamm der Gallery gehört, macht den September-Auftritt beinahe zu einem Heimspiel.
Und dann wird live gemalt
Zur Vernissage kommt mit Oliver Madlener noch Bewegung in die Sache. Der in Düsseldorf lebende Künstler mit kolumbianischen Wurzeln arbeitet vor allem mit Tusche und Acryl und konzentriert sich auf expressive Porträts von Menschen und Tieren. Live Painting gehört ausdrücklich zu seinem Repertoire. Erst im August zeigte er in Bonn seine Ausstellung „Begegnung“ und bot dort auch einen Porträt-Workshop an.
Am Samstag können die Ratinger also nicht nur sehen, was Kunst geworden ist, sondern auch, wie sie entsteht.
Alle Infos zur Vernissage
Die Vernissage beginnt am Samstag, 5. September, um 18 Uhr in der 1880. Urban Gallery, Lintorfer Straße 25. Der Eintritt ist frei. Die September-Ausstellung ist bis zum 30. September zu sehen. Die regulären Öffnungszeiten der Galerie sind dienstags, donnerstags und freitags von 12 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 16 Uhr.




