
Ratingen | Kurz nach sieben Uhr am Mittwochmorgen hob ein Mobilkran die neue Jubiläumsbrücke über den historischen Stadtgraben. Rund zwölf Tonnen Stahl, 16,50 Meter lang – innerhalb einer Stunde fand die Konstruktion ihren vorerst endgültigen Platz neben dem Dicken Turm. Ein kurzer Moment mit großer Wirkung.
Eine Verbindung mit Tradition
Die Brücke verknüpft künftig wieder die Angerstraße mit der Turmstraße, direkt am mittelalterlichen Turm, der heute Sitz der Ratinger Jonges ist. Schon vor Jahrhunderten überwand an dieser Stelle eine Brücke den schützenden Graben und öffnete den Zugang zur befestigten Stadt. Solche Stadtgräben prägten über Jahrhunderte europäische Städte: Sie boten Schutz vor Angreifern, ihre Brücken aber ermöglichten zugleich Handel, Austausch und Alltag. Wer die Brücke betrat, betrat auch die Gemeinschaft der Stadt.




Diese doppelte Funktion – Trennung und Verbindung zugleich – zieht sich als Motiv durch die Baugeschichte Europas. Römische Brückenbauer galten in der Antike als so bedeutsam, dass ihr Titel “Pontifex” später auf religiöse Würdenträger überging: Brückenbauer zwischen Menschen und zwischen Welten. Auch mittelalterliche Handelsbrücken wie die Rialtobrücke in Venedig oder der Pont Neuf in Paris waren weit mehr als Bauwerke – sie wurden zu Treffpunkten, Marktplätzen und Wahrzeichen ganzer Städte.
Sinnbild für Begegnung
Genau in dieser Tradition steht auch die neue Ratinger Brücke. Sie liegt heute mitten in der Stadt und erfüllt dennoch eine ähnliche Aufgabe wie einst: Sie führt Menschen zusammen. Brücken stehen seit jeher nicht nur für die Überwindung räumlicher Hindernisse, sondern auch als Sinnbild für Verständigung und die Bereitschaft, Gräben zwischen Menschen zu überwinden. Im Jubiläumsjahr der 750 Jahre alten Stadt erhielt das Projekt deshalb besondere Aufmerksamkeit.
Ein internationaler Wettbewerb
Die neue Konstruktion ersetzt eine 1979 errichtete Holzbrücke, die wegen ihres schlechten Zustandes abgebrochen werden musste. Für den Neubau an diesem historisch bedeutsamen Ort schrieb die Stadt einen internationalen Wettbewerb aus. Eine Fachjury unter Vorsitz von Professor Martin Trautz von der RWTH Aachen entschied sich für den Entwurf des belgischen Ingenieurbüros Ney & Partners, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Kölner Künstler Thomas Heinz.
Nicht alle Ratinger konnten sich mit dieser Entscheidung anfreunden. Viele hätten sich zwischen Stadtmauer, Graben, Dickem Turm und Arkadenhof erneut eine Holzbrücke gewünscht.

Moderner Kontrapunkt zur Geschichte
Die gewählte Stahlkonstruktion setzt bewusst einen zeitgenössischen Akzent. Ihre patinaartige Oberfläche nimmt den historischen Ort auf, während die künstlerisch perforierten Brüstungen künftig ein wechselndes Licht- und Schattenspiel erzeugen. Die breitere, ebene und rutschfeste Wegefläche wird zudem barrierefrei nutzbar sein.
Vielleicht liegt gerade in diesem Gegensatz die besondere Aussage der Jubiläumsbrücke: Geschichte muss nicht nachgebaut werden, um bewahrt zu bleiben. Das Bauwerk steht für Verlässlichkeit, Stabilität und Durchhaltevermögen – Eigenschaften, die nicht nur eine Brücke tragen.
Eröffnung im September
Bis zur Eröffnung Anfang September sind noch Anschlussarbeiten erforderlich. Danach könnte die Brücke zu einem neuen Anziehungspunkt werden: als Übergang zwischen Straßen, zwischen Epochen und vor allem zwischen Menschen.



