
Ratingen. Psychische Gesundheit ist längst kein Randthema mehr. In sozialen Netzwerken wird über Depressionen, Ängste und Selbstzweifel gesprochen, Schulen veranstalten Projekttage, Beratungsangebote werben um Aufmerksamkeit. Die öffentliche Sichtbarkeit des Themas ist klar gewachsen. Doch wer mit Fachkräften und Jugendlichen in Ratingen spricht, stößt auf eine andere Realität: Eine Realität, in der sich Belastungen vervielfachen, während der Zugang zu Unterstützung häufig verwehrt bleibt.
Für den Ratinger Jugendrat beginnt die Diskussion über mentale Gesundheit häufig bei einem Gefühl, das viele Jugendliche teilen: Dem Zweifel an sich selbst. Schulischer Leistungsdruck, Erwartungen des sozialen Umfelds und die allgegenwärtigen Vergleichsmöglichkeiten in den sozialen Medien verstärken die eigene Unsicherheit dabei zusätzlich. Dass mentale Gesundheit zu einem Schwerpunkt des Jugendrats geworden ist, sei deshalb eine logische Konsequenz.
Auch in der Praxis der Jugendhilfe zeigt sich, wie vielgestaltig die Belastung der Ratinger Jugend aussieht. Andrea Laumen, Sozialpädagogin in Ratingen, berichtet von Jugendlichen, die Unterstützung wegen Mobbing, sozialer Ausgrenzung, Einsamkeit oder familiärer Situation suchen. Hinzu kämen nun auch Zukunftsängste. Viele junge Ratinger Menschen würden sich demnach auch um gesellschaftliche Entwicklungen, politische Polarisierung und internationale Krisen sorgen. Die Unsicherheit darüber, wie ihre Zukunft aussehen werde, beschäftige sie zunehmend. Neu seien viele dieser Probleme laut Andrea Laumen nicht. Herausstechen würde vielmehr die Verdichtung: Während Jugendliche früher einzelne Belastungen bewältigen mussten, wird die Jugend heutzutage vor vielfältige Hürden gestellt, die es zu überwinden gilt: Schulischer Druck, digitale Dauerpräsenz, gesellschaftliche Unsicherheiten und die Folgen sozialer Ungleichheit.
Gleichzeitig hat sich der Umgang mit psychischen Problemen merklich verändert. Nach Einschätzungen von Fachkräften wird offener über Belastungen gesprochen als noch vor einigen Jahren. Diese Transparenz bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Hilfe leichter erreichbar wäre. Ganz im Gegenteil, insbesondere bei therapeutischen Angeboten seien die Wartezeit oft viel zu lang. Probleme, die aufgefangen werden könnten, drohen sich dadurch zu verfestigen. Darüber hinaus häufen sich laut dem Ratinger Jugendrat auch einige Negativmeinungen über Hilfsangebote im Raum Ratingen.
An Vielfältigkeit fehlt es den Ratinger Anlaufstellen jedoch nicht: Mit der App „Between the Lines“ steht Jugendlichen ein digitales Informationsportal zur Verfügung, das Hilfsmöglichkeiten bündelt. Die städtische Beratungsstelle unterstützt im großen Rahmen bei Themen wie Schulstress, familiären Konflikten und psychischen Krisen. Jugendzentren und offene Treffs dienen vielen jungen Menschen als erste Anlaufstellen, lange bevor professionelle Beratung in Anspruch genommen wird. Hinzu kommen Projekte wie die Jugendhilfe U25 oder „Jugend stärken – Brücken in die Eigenständigkeit“
Doch kommen diese Hilfsangebote bei betroffenen Jugendlichen auch an? Nach Einschätzung des Ratinger Jugendrats häufig nicht. So beobachten die Mitglieder in ihrem Umfeld selbst, wie viele der Angebote im Kreise der Jugendlichen untergehen. Gleichzeitig erleben Betroffene die Suche nach Unterstützung häufig als kompliziert und belastend – ausgerechnet in einer Situation, in der die eigenen Kräfte begrenzt sind. Auch Andrea Laumen sieht hier Verbesserungsbedarf: Benötigt würden mehr niedrigschwellige Anlaufstellen, eine stärkere Vernetzung zwischen Schulen, Jugendhilfen und therapeutischen Angeboten sowie mehr Unterstützung für Eltern. Vor allem aber brauche es Orte, an denen Jugendliche frühzeitig Vertrauen aufbauen können.
Die Debatte über mentale Gesundheit ist längst von einem offenen Charakter geprägt. Vielerorts ist das Schweigen einer größeren Toleranz gewichen und viele örtliche Hilfsangebote gewinnen an Präsenz. Doch in Ratingen klafft zwischen Angebot und Inanspruchnahme offenbar noch eine Lücke. So lautet die Frage inzwischen nicht mehr ob mit dem Thema mentale Gesundheit eine grundlegende Ernsthaftigkeit verknüpft ist, sondern wie vorhandene Hilfe akut dort eingreifen kann, wo sie gebraucht wird.




