
Ratingen | Ein Neujahrsempfang ist oft ein ritualisierter Start ins Jahr – beim Unternehmensverband Ratingen (UVR) wurde daraus am 20. Januar 2026 in der Stadthalle Ratingen ein Abend, der spürbar nach vorne drängte. Mehr als 170 Gäste aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft waren gekommen – unter ihnen Landrätin Dr. Bettina Warnecke und Bürgermeister Patrick Anders.
Schon in der Begrüßung machte UVR-Vorsitzender Olaf Tünkers klar, dass der Verband den Schulterschluss sucht: Er verband seine Willkommensworte an die neue Landrätin ausdrücklich mit dem Wunsch, in einen engeren Dialog mit ihr einzutreten. Und er setzte eine Leitplanke, die im Saal hängen blieb: „Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne Wirtschaft ist alles nichts.“ Der Satz war weniger Floskel als Standort-Bekenntnis – und er passte zum Publikum, in dem neben Unternehmerinnen und Unternehmern auch Vertreter aus Brauchtum und sozialem Engagement saßen: Hier ging es nicht um eine Branche, sondern um das Fundament einer Stadt.
Tünkers begrüßte zudem den neuen Bürgermeister Patrick Anders – mit einer jener humorvollen Seitenbemerkungen, die an diesem Abend mehr als einmal für aufmerksames Schmunzeln sorgten. Er spielte auf die Länge kommunaler Karrierewege an: Anders könne aufgrund seines Alters rein rechnerisch „nach fünf Amtsperioden“ in Ruhestand gehen – sofern ihn seine Kompetenz nicht auf „einen anderen Weg“ führe. Auch der frisch ausgeschiedene, nicht anwesende Ex-Bürgermeister Klaus Pesch bekam eine Pointe mit Substanz: Tünkers verwies darauf, Pesch habe dem Rathaus eine Gewerbesteuereinnahme von rund 200 Millionen Euro hinterlassen – ein Zeichen, dass Pesch „nicht alles falsch gemacht habe“.
Besonders begrüßte der UVR-Vorsitzende die Spitze der Verwaltung und die städtischen Dezernate: Petra Cremer, Martin Gentzsch und Prof. Dr. Bert Wagener sowie die neue Leitung der Wirtschaftsförderung Anne van Boxel. Und er zeigte sich erfreut, dass unter den neuen Mitgliedern wieder der Flughafen Düsseldorf vertreten ist – ein Signal, das in Ratingen als Standortkommune mit Flughafen-Nachbarschaft bewusst wahrgenommen wird.
Der inhaltliche Schwerpunkt des Abends lag anschließend auf dem Impuls von Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, zum Thema: „Ausblick 2026: Schiebt das Fiskalpaket die Konjunktur wirklich an?“ Krämer zeichnete die Lage im Spannungsfeld von Weltpolitik, Strukturproblemen und Standortfaktoren nach – eine nüchterne Bestandsaufnahme, die im Saal für konzentrierte Aufmerksamkeit sorgte.
Doch das Gesprächsthema des Abends – und erst recht des anschließenden Get-togethers im Foyer – war Tünkers’ Vision für Ratingen. Er spannte den Bogen von geopolitischen Weichenstellungen bis zur Stadtentwicklung vor der Haustür, würzte seine Thesen mit feiner Ironie und machte zugleich Mut zur Gestaltung. Er sprach über die Chancen neuer Handelsräume und künftiger Achsen, die den Großraum Düsseldorf – und damit auch Ratingen – wirtschaftlich neu positionieren könnten. Er ließ dabei ebenso konkrete kommunale Bilder entstehen: eine lange diskutierte stadteigene Wohnungsbaugesellschaft, eine Alternative zur Westbahn, ein besonderer Weg für die U81-Anbindung an den Flughafen-Campus. Und er formulierte eine Haltung, die vielen aus dem Herzen sprach und an diesem Abend zum roten Faden wurde: „Es ist Zeit, endlich aufzuhören zu jammern und zu klagen“
Der Satz wirkte wie ein Schalter. Nicht, weil damit Probleme kleiner würden – sondern weil er den Blick zurück auf die eigene Handlungsfähigkeit lenkte. Genau dieses Gefühl machte den Neujahrsempfang des UVR in diesem Jahr aus: weniger Rückspiegel, mehr Zukunft. Und das ist, gerade in wirtschaftlich unruhigen Zeiten, manchmal die wichtigste Währung eines Abends.










