Zuckerklinik im Wald

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Der Uhrenturm der Waldklinik in der Nacht, Bild: Alexander Heinz
Der Uhrenturm der Waldklinik in der Nacht, Bild: Alexander Heinz

Ratingen | Wer als Kind in Hösel unterwegs war, brauchte keine Karte. Man folgte dem Gefühl: erst die Hauptstraße (Eggerscheidter Straße), dann hinein in ein kleines Wäldchen – und plötzlich öffnete sich der Blick auf dieses große Haus, das mehr war als ein Gebäude. Die frühere Waldklinik am Bellscheider Weg 44 liegt tatsächlich im Wald, nicht nur dem Namen nach: eingebettet in alten Baumbestand, umgeben von einem parkähnlichen Wegenetz, das von allen Seiten direkt in den Höseler Wald übergeht. Und doch war sie immer präsent – als Ort, als Silhouette, als Erzählung.

Offiziell begann die Geschichte als „Genesungsheim Hösel“: eingerichtet 1908 vom Verband der Krankenkassen Düsseldorfs. Im Ersten Weltkrieg wurde aus Erholung Ernst: Das Haus diente bis 1. Juni 1919 als Reservelazarett und Militär-Lungenheilstätte. Danach mietete die Stadt Düsseldorf die Anlage und eröffnete sie am 1. Juni 1919 als städtische Lungenheilstätte „Heilstätte Hösel“ mit 153 Betten. Später wurde daraus das, was in Hösel jahrzehntelang jeder kannte: die Diabetes-Klinik, im Volksmund schlicht die „Zuckerklinik“.

Dieser Name blieb hängen, weil er nicht nach Verwaltung klang, sondern nach Leben. Wer dort ein und aus ging, tat das selten leichtfertig. Und doch war die Klinik nicht nur Ort der Sorge, sondern auch eine Art Fixstern im Alltag des Stadtteils. Dazu gehörte auch die Zufahrt am Bellscheider Weg: erst mit einer Schranke, die ein Pförtner bediente, später durch eine automatische Anlage ersetzt. Das war mehr als Technik: Es war das Gefühl, dass man ein Gelände betritt, das seine eigene Ordnung hat.

Und dann gab es auf dem Gelände noch Dinge, die Hösel ausmachten und heute dem Vergessen anheim gestellt sind. Der Pool vor dem Haus – später im Zuge der Umwidmung zugeschüttet – den Jugendliche in Sommerabenden und Nachtstunden gene als heimliches Ziel sahen. Dass es das Schwimmbad tatsächlich gab, davon zeugen heute noch alte Ansichtskarten. Aber das Gefühl, in den Abendstunden vom Wald aus über den Zaun zu dem Pool zu gelangen, das muss man erlebt haben, das findet man auf keiner Karte.

Hinter dem Klinikbau, am Kesselhaus stand früher ein mächtiger, aus Backstein gemauerter Schornstein, eine Wegmarke an der sich ein ganzes Dorf orientierte. Er war so prägend, dass er für viele zur Höseler Silhouette gehörte: nicht nur sichtbar von der Strecke zwischen Heiligenhaus und Ratingen, sondern – bevor Lärmschutzwälle und Wände den Blick nahmen – auch für Reisende auf der A3. Wann genau er zurückgebaut wurde, lässt sich aus frei zugänglichen Quellen nicht eindeutig datieren; in der Erinnerung vieler fiel sein Verschwinden jedoch in die Zeit, lange nachdem das Haus seine Funktion endgültig wechselte.

Denn auch das gehört zur Geschichte: Das Gebäude ist denkmalgeschützt, und gerade deshalb hat es seinen besonderen Charme bis heute bewahrt. Seit Jahrzehnten wird es nicht mehr als Klinik geführt, sondern als Pflegeeinrichtung – heute als Pro Seniore Waldklinik Hösel. Und doch spürt man beim Anblick der Fassade noch die alten Kapitel, als lägen sie wie Jahresringe unter dem Putz. Die Türmchen, die Uhr, die vielen liebevollen Details die den Bau so fundamental von heutigen funktionsgeprägten Gebäuden unterscheidet.

Zur „Zuckerklinik“-Zeit prägten auch Namen das Haus. Die Namen, Dr. med. B. Sachsse als Chefarzt der Waldklinik Hösel; seine Frau Dr. Ruth Sachsse als leitende Ärztin der Kinderabteilung, kennen heute noch viele der Gerneration X und ihre Erltern. Viele erinnern sich darüber hinaus daran, dass sie später auch im Ort als Hausärztin präsent war – ein Übergang, der typisch ist für diese Generation von Medizinern: Klinik und Dorf gehörten zusammen, nicht getrennt. Auch dazu gehört die Tatsache, daß die ersten Impfungen für Höseler Kinder häufig in der Zuckerklinik vorgenommen wurden und erst später in der Grundschule oder der Praxis auf der Bayernstraße weitergeführt wurden.

Und dann ist da noch das kleine Garagenhäuschen, in dem früher ein Feuerwehrfahrzeug stand. War das Teil eines klinikeigenen Brandschutzes, eine Art „Ersthilfe“ auf einem abgelegenen Waldgelände? Oder hatte die Freiwillige Feuerwehr Hösel dort zeitweise eine praktische Abstellmöglichkeit? Öffentlich dokumentiert ist das alles nicht, die konkrete Zuordnung dieses kleinen Häuschens bleibt damit eher Stoff der Erinnerung als der Akten.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Wahrheit dieses Ortes: Er ist nicht nur Bauwerk, sondern gemeinsames Gedächtnis. Die Zuckerklinik war Heilhaus, Arbeitsort, Nachbarschaft, Landmarke. Sie war ein Gebäude, das man „nicht nur gesehen“, sondern erlebt hat – beim Spaziergang durch den Wald, am Schrankenweg, beim Blick hinauf zum Schornstein, der früher wie ein stiller Zeigefinger über Hösel stand.

Heute ist der Schornstein weg, der Pool zugeschüttet, die Klinik eine Residenz. Aber das Haus steht noch. Und wenn man den Weg durch das kleine Wäldchen nimmt, spürt man, warum viele Höseler bis heute nicht „Bellscheider Weg 44“ sagen, sondern „Zuckerklinik“. Nicht aus Nostalgie – sondern weil manche Orte im Leben nicht einfach Gebäude sind. Sie sind Heimat in Stein.