
Ratingen (AH) | Die Idee, Ratingen zu einem Hochschulstandort zu entwickeln, ist nicht neu. Seit Jahren taucht sie in kommunalpolitischen Debatten, bei Unternehmern und in Standortdiskussionen immer wieder auf. Nun hat eine junge Initiative unter dem Namen Campus Plus bei der Mitgliederversammlung von Aktiv für Ratingen ein Konzept vorgestellt, das diese alte Idee neu ordnen und konkretisieren soll. Der Ansatz verdient Aufmerksamkeit, gerade weil er über eine reine Hochschulansiedlung hinausgeht.
Nach der vorgestellten Planung soll in Ratingen ein moderner Bildungscampus entstehen, der Studium, Weiterbildung, berufliche Entwicklung und Unternehmenskooperationen miteinander verbindet. Als mögliche Start-Studiengänge wurden Betriebswirtschaft, Entrepreneurship, AI & Data Science sowie Sozialpädagogik genannt. Ergänzend sieht das Konzept Zusatzqualifikationen, Soft-Skill-Trainings, Mentoring, ein Karriereportal, Recruiting-Formate und flexible Studienmodelle vor. Der Campus soll damit nicht nur junge Menschen ausbilden, sondern auch Fachkräfteentwicklung, Weiterbildung und Vernetzung zwischen Wirtschaft und Bildung unterstützen.
Die Initiative verweist auf mehrere Standortargumente: Ratingen verfügt über eine starke Unternehmenslandschaft, liegt verkehrsgünstig zwischen Düsseldorf, Ruhrgebiet und Bergischem Land und besitzt Büro- und Gewerbestandorte, die grundsätzlich für Bildungsnutzungen infrage kommen könnten. Zudem verlassen zu viele junge Menschen Ratingen zum Studium in einer Nachbarstadt. Ein Bildungsangebot vor Ort könnte dazu beitragen, Talente stärker an die Stadt zu binden und Unternehmen frühzeitig mit Nachwuchskräften zusammenzubringen.
Dass diese Überlegung in Ratingen anschlussfähig ist, zeigen frühere Initiativen. Die Bürger-Union hatte bereits 2019 beantragt, Ratingen solle sich grundsätzlich als Hochschulstandort positionieren und die Verwaltung Gespräche über Konzeption und Ansiedlung aufnehmen lassen. Der Antrag griff ausdrücklich Impulse aus der Wirtschaft auf. Auch der Unternehmensverband Ratingen hatte unter dem Arbeitstitel „Uni Ratingen“ wiederholt für einen solchen Standort geworben und Gespräche mit Hochschulen beziehungsweise Bildungsträgern geführt. Im Raum standen dabei unter anderem Modelle mit bestehenden Hochschulen, Außenstellen oder dualen Studienangeboten.
Auch InWest hat das Thema Standortentwicklung immer wieder unter dem Blickwinkel von Wirtschaft, Flächenpotenzialen und Zukunftsfähigkeit betrachtet. Gerade Ratingen-West und Tiefenbroich verfügen über Gewerbe- und Bürostrukturen, deren Weiterentwicklung für die Stadt von Bedeutung ist. Ein Bildungs- oder Hochschulcampus könnte in diesem Zusammenhang mehr sein als ein einzelnes Projekt: Er könnte ein Baustein positiver Stadtentwicklung werden, sofern er sinnvoll mit Verkehrsfragen, Gewerbeentwicklung, Unternehmensnetzwerken und sozialer Infrastruktur verbunden wird.
Campus Plus ist derzeit kein fertiger Hochschulstandort, sondern ein Projekt in einer frühen Entwicklungsphase. Nach Darstellung der Initiative gab es bereits Gespräche mit Stadt, Unternehmensnetzwerken, Hochschulen, möglichen Finanzierungs- und Förderpartnern sowie erste Standortüberlegungen. Zentrale Fragen bleiben aber offen: Wo genau könnte ein solcher Campus entstehen? Wer finanziert ihn? Welche Hochschule oder welcher Träger steht verbindlich dahinter? Wie wird die staatliche Anerkennung gesichert? Und wie groß ist die tatsächliche Bereitschaft der Unternehmen, Studierende, Dozenten, Praxisplätze und Kooperationen dauerhaft einzubringen?
Gerade deshalb wird die nächste Phase entscheidend. Ein Hochschulstandort entsteht nicht allein durch ein gutes Konzept. Er braucht breite Akzeptanz in der Unternehmerschaft, Rückhalt in Politik und Verwaltung, Offenheit in der Stadtgesellschaft und belastbare Partner aus dem Bildungsbereich. Die Initiatoren bemühen sich nun erkennbar darum, diese Unterstützung aufzubauen.
Für Ratingen empfiehlt es sich, die weitere Entwicklung aufmerksam und konstruktiv zu begleiten. Campus Plus ist noch kein Durchbruch, aber ein ernstzunehmender Versuch, eine seit Jahren diskutierte Idee neu zu beleben. Sollte es gelingen, Bildung, Wirtschaft und Stadtentwicklung tragfähig zu verbinden, könnte daraus ein Projekt mit langfristigem Wert für Ratingen werden.




