Generalkonsul Yu Yong: „Wir sind ein Anker der Stabilität“

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Generalkonsul Yu Yong (r.) begrüßte Matthias M. Machan zum Interview in Düsseldorf. Foto A. Heinz

(mmm) Yu Yong, Generalkonsul der Volksrepublik China, kümmert sich von Düsseldorf aus seit dem Sommer 2025 um den Konsularbezirk Nordrhein-Westfalen. Im zweiten Teil seines Interviews mit Unser Ratingen spricht der 54-jährige Diplomat u.a. über die deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen, geopolitische Herausforderungen und die wirtschaftliche Globalisierung.

Herr Generalkonsul, die Welt ist in Aufruhr, sowohl im Nahen Osten wie in der Ukraine. Binnen weniger Tagen besuchten im Mai US-Präsident Trump und der russische Präsident Putin die Volksrepublik China. Man nimmt Ihr Land inzwischen fast wie einen Anker der Stabilität wahr … 

… meine Antwort ist eindeutig: China ist ein Anker der Stabilität. Wir haben stets auf die Versöhnung durch Dialog bestanden, um zwischen Konfliktparteien zu vermitteln und zu schlichten. Ob im Ukraine-Konflikt oder im Nahen Osten: China steht auf der Seite des Friedens und der Gerechtigkeit und fordert alle Parteien dazu auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und Konflikte mit orientalischer Weisheit zu lösen.

Wir bewahren strategische Standhaftigkeit, antizipieren Entwicklungen im Voraus, ergreifen proaktive Vorsichtsmaßnahmen und sichern so die Grundlagen für Entwicklung und Sicherheit. Gleichzeitig setzen wir auf gute Beziehungen zu unseren Nachbarn und bemühen uns, ein friedliches wie stabiles Umfeld in unserer Nachbarschaft zu schaffen.

„Nachbarschaft“ ist ein wichtiges Stichwort: Taiwan gilt als Teil der chinesischen Identität. Ist in dieser Frage ein Kompromiss, der über den Tag hinauswirkt, denkbar? 

Taiwan ist seit jeher ein untrennbarer Teil des chinesischen Staatsgebietes. Mit der Resolution 2758 der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1971 wurde die Frage über den Status Taiwans je jure endgültig geklärt. Das sogenannte „Ein-China-Prinzip“ ist allgemeiner Konsens in der internationalen Staatenwelt und eine rote Linie der Kerninteressen Chinas. Da gibt es keinen Spielraum für Kompromisse. China hält am Ziel der friedlichen Wiedervereinigung fest, wird jedoch keinesfalls zulassen, das Handlungen, die auf eine Spaltung des Landes abzielen, Erfolg haben. In den Bereichen Innen-, Geo- und Wirtschaftspolitik hält China stets an drei Grundprinzipien fest: Souveränität, Sicherheit und Wachstum.

Win-win-Situationen statt Konfrontation

Der Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in China im Februar hat gezeigt, dass die deutsch-chinesischen Beziehungen vor einem Re-Start stehen. Der Bundeskanzler wünscht sich eine „ausgewogene Partnerschaft mit China“. Wo stehen wir da heute?

Der Besuch des Bundeskanzlers in China markiert einen neuen Meilenstein in der Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen und spiegelt den gemeinsamen Willen beider Länder wider, eine ausgewogene, stabile und nachhaltige Partnerschaft aufzubauen. Vor dem Hintergrund einer turbulenten internationalen Lage, zahlreicher Konflikte und wachsender Herausforderungen entwickeln sich die deutsch-chinesischen Beziehungen entgegen dem allgemeinen Trend stabil und positiv. Unser Generalkonsulat ist bereit, einen aktiven Beitrag dazu zu leisten. Ich teile im Übrigen die Ansicht von Bundeskanzler Merz: Der Wettbewerb zwischen Staaten muss offen, fair und transparent sein, sich an gemeinsam vereinbarte Regeln halten und von gegenseitigem Vertrauen geprägt sein.

Natürlich verschließen wir nicht die Augen davor, dass es im Rahmen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit unvermeidlich zu Meinungsverschiedenheiten und Reibungen kommt. Themen wie Produktionskapazitäten, Marktzugang und Wettbewerb lassen sich aber durch offene Kommunikation und sachliche Verhandlungen regeln. Ich teile die Haltung der deutschen Seite, dass das Potenzial der Partnerschaft mit China ausgebaut und nicht eingeschränkt werden sollte.

Sie haben Ende März den 15. Fünfjahresplan der Volksrepublik China als „eine Liste voller Chancen“ bezeichnet, eine „herzliche Einladung“ an die Firmen aus Deutschland und NRW, diese Chancen zu nutzen. Was heißt das konkret?

Der „15. Fünfjahresplan“ spiegelt den Geist einer umfassenden Öffnung Chinas nach außen auf einem hohen Niveau wider und hat den gegenseitigem Nutzen im Blick. Er sieht den kontinuierlichen Ausbau des Marktzugangs und eine Optimierung des Geschäftsumfeldes vor und heißt deutsche Unternehmen in den Bereichen High-End-Fertigung, grüne Transformation, Biomedizin und digitale Wirtschaft herzlich willkommen, sich intensiv zu engagieren und an den Wachstumsvorteilen Chinas teilzuhaben. China setzt auf Offenheit statt Abschottung, auf Win-win-Situationen statt Konfrontation!

China hat sich rasant gewandelt: von der „Werkbank der Welt“, bekannt für günstige Massenproduktion, hin zu einem führenden technologischen Innovations-Player. Was sind die Pfeiler des Erfolges?

Für China ist der Maßstab für Erfolg ganz einfach. Erstens technologische Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, um nicht mehr von anderen abhängig zu sein. Zweitens industrielle Modernisierung und Wohlstand für die Bevölkerung. Drittens grüne, kohlenstoffarme und nachhaltige Entwicklung. Dieser Wandel bringt für Europa, insbesondere für Deutschland, sowohl Kopfschmerzen als auch Chancen mit sich. Kopfschmerzen, weil der Aufstieg Chinas in Bereichen wie Maschinenbau, Automobilindustrie und erneuerbaren Energien zu einem verschärften Wettbewerb führte. Gleichzeitig bietet der chinesische Markt und die dortigen Technologien Deutschland aber auch zahlreiche neue Chancen. Deutsche Ingenieurskunst, Präzisionsfertigung und Qualitätsstandards sind nach wie vor Weltspitze.

Und dennoch: Ob „neue Seidenstraße“ oder Containerterminal im Hamburger Hafen, ob die Übernahme von Kuka im Jahr 2016 oder aktuell Mediamarkt-Saturn. Steigt China ein, wird das hierzulande oftmals als Bedrohung gesehen…

Objektiv betrachtet sind der Erwerb, die Anpassung und die Weiterentwicklung von Technologien seit jeher gängige Praxis für multinationale Unternehmen. Auch europäische und amerikanische Unternehmen haben über Jahre hinweg in China Forschungs- und Entwicklungszentren errichtet. Auch sie integrieren lokale Technologien und nutzen industrielle Vorteile, um ihre eigene Entwicklung voranzutreiben. Dies ist Globalisierung, und dabei darf es keine Doppelmoral geben. Ich habe kürzlich zahlreiche deutsche „Hidden Champions“ besucht, die sich durch Weitsicht und strategische Standfestigkeit auszeichnen und ihre Investitionen wie Kooperationen mit China ausbauen. Tatsächlich ist die Wirtschaft weitaus smarter und klüger, als es die öffentliche Meinung annimmt.“