
(mmm) „Abstand halten, berühren verboten“: Normalerweise sind die Regeln in Museen aus gutem Grund streng. Nicht jedoch im Foyer des Museums Ratingen, das jetzt mit einer spektakulären Schau seien 100.sten Geburtstag feiert. In der Jubiläums-Ausstellung „Linie Fläche Raum“ – die Inspiration für diesen Titel bot Wassily Kandinskys Schrift „Punkt und Linie zu Fläche“, erschienen im Gründungsjahr des Museums (1926) – lädt das Foyer des Hauses an der Grabenstraße zur sinnlichen Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst geradezu ein. So ist die vom Ratinger Künstler Paul Schwer im Eingangsbereich aufgestellte Kommunikationsröhre mit ihren Aus- und Einblicken begehbar, die auf einem Tisch ausgelegten Teile eines Puzzles dürfen von kleinen wie großen Gästen gerne zusammengesetzt werden.
Die umfassende Jubiläumsausstellung mit 62 Werken von 28 Künstlern ist ein spannender wie anregender Parcours aus Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Foto- und Videoarbeiten. Zwei Jahre lang haben Kuratorin Anne Rodler und Museumsleiterin Wiebe Siever die Schau vorbereitet, dabei auch manches neu- oder wiederentdeckt. Natürlich setzt die Ausstellung einen Schwerpunkt auf geometrische (und lyrische) Abstraktion, macht zudem aber auch die Darstellung von architektonischen Strukturen zum Gegenstand der Auseinandersetzung. Unser Highlight im großen Ausstellungssaal: Zahlreiche Fotos aus Ratingen West und gemalte Hochhausansichten treten in einen reizvollen Stadt-Natur-Dialog mit „Blauer See bei Nacht“, ein Großformat von Birgit Jensen. Und immer wieder gibt es einen Bezug zu Ratingen, wie in den Arbeiten von Peter Brüning, der in Ratingen gelebt und gearbeitet hat. Einige Arbeiten (Alke Reeh, Evangelos Papadopoulos, Paul Schwer) wurden extra für die Geburtstagsaustellung und mit Blick auf die Architektur des Museums kreiert.
Parcours mit Gemälden, Skulpturen, Installationen, Foto- & Videoarbeiten
In der sehenswerten Schau werden Werke von Peter Brüning aus verschiedenen Schaffensphasen mit Arbeiten von Bernard Schultze, Cy Twombly und Fritz Winter kombiniert. So wird ein Bogen von 1945 bis heute gespannt. Nicht minder sehenswert: Driss Ouadahi überträgt in seiner Malerei urbane Landschaften in flächige Farbraster, Ralf Brueck löst in seinen fotografischen Arbeiten Architekturelemente in abstrakte Unschärfen auf. Mit Marcus Schwier und Anne Schülke sind zwei Kunstschaffende dabei, deren Foto- und Videoarbeiten sich mit dem Stadtteil Ratingen-West auseinandersetzen. Doch die Schau blickt thematisch weit über die Stadtgrenzen bis nach China und Nordafrika hinaus. Einige Exponate wurden zur Ausstellung hinzugeliehen, beispielsweise von Jan Holthoff, der in Ratingen lebt. Und auch prominente Namen wie Antoni Tàpies und Hann Trier dürfen nicht fehlen.
Die Ausstellung wirft zudem einen Blick auf die Entstehung der städtischen Kunstsammlung, die auf einer kooperativen wie vielstimmigen Zusammenarbeit mit Künstlern und Sammlern beruht. Mit gezielten Ankäufen seit den 1980er Jahren wurde die Sammlung systematisch weiterentwickelt. Die Freunde und Förderer des Museum Ratingen, der Nachlass Prof. Peter Brüning, und private Stifter bedachten das Museum mit Schenkungen. Und auch Dauerleihgaben aus der Sammlung Ganteführer sowie aus der Stiftung Kunst im Landesbesitz, Nordrhein-Westfalen, wurden in die Sammlung integriert. Ergänzend zur Ausstellung „Linie Fläche Raum. 100 Jahre Museum Ratingen“ eröffnet am 29. Mai die Ausstellung „Bauen als Kulturbeitrag. Die Architektur des Museum Ratingen“. Beide Ausstellungen sind Teil des Programms zum Stadtjubiläum und werden durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW gefördert. (Die Ausstellung ist bis zum 16. August 2026 zu sehen. Begleitend gibt es ein umfangreiches Programm. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und feiertags von 11 bis 17 Uhr.)




