Wenn Chancen schon vor der Kita vergehen – Bildungsdefizite beginnen früh, Ratingen handelt

0
6
Maymol Devasia-Demming von der Allianz für Bildung und Lernen setzt sich seit Jahren für die Bildungschanchen aller Kinder ein, Bild: Alexander Heinz
Maymol Devasia-Demming von der Allianz für Bildung und Lernen setzt sich seit Jahren für die Bildungschanchen aller Kinder ein, Bild: Alexander Heinz

Ratingen | Der Nationale Bildungsbericht 2026 schlägt Alarm: Bildungsungleichheit entsteht in Deutschland oft noch vor dem dritten Lebensjahr. Wer benachteiligt startet, holt selten auf. Ratingen hat lokale Antworten – aber reichen sie?
Es ist ein Befund, der aufhorchen lässt: Bundesbildungsministerin Karin Prien brachte es heute bei der Vorstellung des Nationalen Bildungsberichts 2026 auf den Punkt: „Die Bildungsschere ist zu, wenn ein Kind auf die Welt kommt, und sie öffnet sich dann bis zur Einschulung – und dann wird sie nur noch unwesentlich geschlossen.”
Was sich wie eine bildungspolitische Randnotiz liest, ist in Wahrheit eine gesellschaftliche Zäsur. Eine Langzeitstudie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe zeigt: Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsniveau oder geringem Einkommen weisen bereits im Kleinkindalter geringere sprachliche, mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen auf. Diese Unterschiede wachsen bis zum Schuleintritt und bleiben über die gesamte Schulzeit hinweg weitgehend stabil. Wer benachteiligt startet, holt selten auf.

Zwei Jahre – und schon entschieden?

Die Zahlen sind konkret und erschreckend: Benachteiligte Kinder haben bereits im Alter von zwei Jahren einen geringeren Wortschatz und nur halb so große Chancen auf eine positive Bildungsentwicklung wie ihre privilegierten Altersgenossen. Und insbesondere bei Kindern unter drei Jahren bestehen in einigen Regionen weiterhin deutliche Betreuungsengpässe – genau dort, wo frühe Förderung am dringendsten gebraucht würde.
Die Folgen ziehen sich durch das gesamte Leben: Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, liegt bei lediglich 16,9 Prozent für ein Kind aus dem untersten Einkommensviertel mit Eltern ohne Abitur – verglichen mit 80,3 Prozent für Kinder aus dem obersten Einkommensviertel. Deutschland landet damit im internationalen Vergleich weit hinten: UNICEF bewertet das Kindeswohl hierzulande nur mit Platz 25 von 37 untersuchten Ländern – obwohl wirtschaftlich teils deutlich schwächere Staaten wie Portugal oder Litauen ihre Kinder unter besseren Bedingungen aufwachsen lassen.

Ratingen ist nicht untätig

Auch wenn die großen Stellschrauben auf Bundes- und Landesebene gedreht werden müssen – Ratingen wartet nicht. Die Stadt und ihre Träger haben ein vergleichsweise dichtes Netz früher Hilfen aufgebaut.
Das Frühförderzentrum Ratingen (FFZ) bietet Unterstützung für Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten oder drohenden Behinderungen von der Geburt bis zum Schuleintritt – mit einem interdisziplinären Team aus Kinderärzten, Heilpädagoginnen, Psychologinnen, Logopädinnen und Therapeutinnen. Ergänzt wird dies durch die Familienhebammen des Programms Famira, die Familien mit Kindern bis zum ersten Lebensjahr aufsuchend unterstützen, sowie durch Sprach- und Spielförderangebote der Diakonie Ratingen: Das Programm „Griffbereit” richtet sich an zugewanderte Eltern mit Kindern von ein bis drei Jahren, das Angebot „Mimikids” an Kinder von zwei bis sechs Jahren ohne Kitaplatz.
Die Allianz Bildung & Lernen – nicht reden, sondern machen
Doch Bildungsungleichheit endet nicht mit dem Kitaalter. Genau hier setzt die Allianz Bildung & Lernen e.V. (ABL) an – ein gemeinnütziger Ratinger Verein, der seit 2015 die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen verbessert, mit Schwerpunkt in Ratingen-West. Das Konzept ruht auf drei Säulen: Ehrenamtliche Bildungspaten betreuen Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse individuell, stärken ihre Arbeitsstruktur und helfen beim Aufholen von Lernrückständen. JOBcoaches begleiten Jugendliche auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Und Veranstaltungen wie Betriebsbesichtigungen oder der „Markt der Möglichkeiten” öffnen Türen in die Arbeitswelt.
Besonders bemerkenswert ist das Lesementoring-Programm der ABL: Lesementoren treffen ihre Kinder regelmäßig in der Schule – nicht als Nachhilfelehrer, sondern als Begleiter, die das Können des Kindes in den Blick nehmen, das Selbstwertgefühl stärken und durch persönliche Zuwendung Bildung durch Bindung ermöglichen.
Maymol Devasia-Demming, Geschäftsführerin der ABL und Diplom-Sozialpädagogin, kennt das Problem aus jahrelanger Praxis: „Über zehn Jahre nach dem ersten PISA-Schock hatten sich die Bildungschancen vieler Kinder nicht deutlich verbessert. Die PISA-Studie hat eindrücklich belegt, dass Bildungschancen signifikant vom familiären und sozioökonomischen Hintergrund eines Kindes abhängen.” Genau das war der Antrieb, 2015 gemeinsam mit Gleichgesinnten den Verein zu gründen – nach dem Motto: nicht nur reden, sondern machen.
Dass das Thema brennend aktuell bleibt, zeigt auch der morgige Abend: Die ABL lädt am 16. Juni um 19 Uhr ins Freizeithaus West ein – unter dem Titel „Kinder im Krisenzustand, politisch übersehen und gesellschaftlich vernachlässigt?” spricht Prof. Sebastian Kurtenbach, Sozial- und Politikwissenschaftler und Mitautor des für den Deutschen Sachbuchpreis nominierten Buches „Kinder: Minderheit ohne Schutz”. Eine Veranstaltung, die kaum aktueller sein könnte.

Was noch fehlt

So lobenswert das Engagement in Ratingen ist – der heutige Bildungsbericht macht deutlich, dass ehrenamtliche Initiative allein nicht ausreicht. Mitautor Kai Maaz vom Leibniz-Institut betonte: „Das Bildungssystem steht heute vor diversen Herausforderungen, die sich überlagern und gegenseitig verstärken.” Was fehle, sei eine abgestimmte gesamtgesellschaftliche Steuerung. Die entscheidende Stellschraube, so die ifo-Forscher, ist die Kita: Kinder, die kein Deutsch sprechen, dürfen nicht ohne Kitabesuch und ohne die Chance, die Bildungssprache vor der Einschulung zu erlernen, aufwachsen.
Für Ratingen heißt das: Die vorhandenen Angebote sind gut – sie müssen aber noch konsequenter die Familien erreichen, die sie am meisten brauchen. Denn Chancengerechtigkeit beginnt nicht mit dem ersten Schultag. Sie beginnt in den ersten Lebensjahren.