Die Stadt, die sich das alles eigentlich leisten kann – und es trotzdem nicht mehr kann

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Das Rathaus in Ratingen auf der Mitoritenstraße, Bild: Alexander Heinz
Das Rathaus in Ratingen auf der Mitoritenstraße, Bild: Alexander Heinz

Ratingen | Es klingt nach einem Widerspruch: Eine Stadt mit einer der stärksten Gewerbesteuereinnahmen im Kreis Mettmann, traditionell gut aufgestellt, finanziell solide – und dennoch schreibt sie rote Zahlen. Doch genau dieser Widerspruch ist es, den Bürgermeister Patrick Anders und Kämmerer Martin Gentzsch zum eigentlichen Argument machen. Wenn selbst Ratingen nicht mehr mitkommt, sagt das weniger über Ratingen aus als über das System, in dem Kommunen bundesweit arbeiten müssen.

Nicht in der Haushaltssicherung – aber auch kein Grund zur Entwarnung

Ratingen befindet sich nicht in der Haushaltssicherung. Der Stadtrat kann noch selbst entscheiden, wofür Geld bereitgestellt wird – ohne Genehmigungsvorbehalt der Aufsichtsbehörde, ohne gesetzlich erzwungene Sparprogramme. Das unterscheidet Ratingen von vielen anderen Kommunen in Nordrhein-Westfalen, die längst nicht mehr allein handlungsfähig sind.

Doch Anders und Gentzsch betonen ausdrücklich: Das ist kein Grund zur Entwarnung. Im Gegenteil. Gerade weil Ratingen vergleichsweise gut dasteht und dennoch für 2026 einen Fehlbetrag von rund 13 Millionen Euro und für 2027 von rund 17 Millionen Euro ausweist, wird die Stadt zum Beleg für eine strukturelle Krise. „Wenn selbst steuerstarke Städte wie Ratingen finanziell überfordert sind, zeigt das sehr deutlich, dass die Finanzausstattung der Kommunen insgesamt nicht auskömmlich ist”, heißt es aus dem Rathaus.

Rekordjahr mit Ablaufdatum

Das Jahr 2025 war für Ratingen finanziell außergewöhnlich. Ungewöhnlich hohe Gewerbesteuernachzahlungen für mehrere Vorjahre bescherten der Stadt eine Rekordeinnahme von 200 Millionen Euro. Ein Wert, der in der Geschichte Ratingens seinesgleichen sucht – und einer, der sich nicht wiederholen lässt. Für 2026 wurden 180 Millionen Euro eingeplant, was bereits das zweithöchste Gewerbesteuerergebnis aller Zeiten wäre. Ob dieser Planwert erreicht wird, ist offen: Bei der Gewerbesteuer gibt es wöchentlich Bewegung, in beide Richtungen. Nachzahlungen und Rückforderungen wechseln sich ab. Die Entwicklung im zweiten Halbjahr bleibt abzuwarten.

30 Millionen Euro mehr – wegen einer anderen Stadt

Besonders ins Gewicht fällt im laufenden Jahr ein Effekt, der von außen kommt: Die Kreisumlage ist gegenüber 2024 um rund 30 Millionen Euro pro Jahr gestiegen. Hintergrund ist ein Sondereffekt innerhalb des Kreises Mettmann. Eine andere kreisangehörige Stadt verzeichnete stark sinkende Gewerbesteuereinnahmen – und damit fällt ihr bislang hoher Beitrag zur Kreisfinanzierung weg. Den Ausfall tragen die übrigen neun Städte, allen voran Ratingen. Ein sprunghafter Anstieg, der den städtischen Haushalt empfindlich belastet und auf den die Stadt kaum Einfluss hat.

Pflichtausgaben ohne Puffer

Hinzu kommt der strukturelle Druck durch wachsende Pflichtaufgaben. Offene Ganztagsschule, Kinderbetreuung, Schul- und Kitaausbau: Rechtsansprüche müssen erfüllt werden, unabhängig davon, ob die dafür nötigen Mittel vom Land auch wirklich bereitgestellt werden. Preis- und Tarifsteigerungen kommen in allen Bereichen hinzu. Der Doppelhaushalt 2026/2027 setzt deshalb klare Schwerpunkte: Schulen und Kitas genießen Vorrang, gestützt durch Finanzreserven aus besseren Vorjahren. Für alles andere heißt es: Prioritäten setzen, wo früher Spielraum war.

Eine einfache Forderung, eine strukturelle Antwort

Was Anders und Gentzsch fordern, klingt schlicht: Kommunen müssen beim Finanzausgleich von Bund und Land besser ausgestattet werden. Und wer den Kommunen neue Aufgaben überträgt, muss auch deren Finanzierung sicherstellen. Das ist keine neue Forderung. Aber Ratingen liefert dafür gerade ein ungewöhnlich anschauliches Argument: Eine Stadt, die sich das alles eigentlich leisten können müsste – und es trotzdem nicht mehr kann.