
Ratingen | Der Ratinger Kulturverein Schalom hat am Dienstag, 15. September, im Freizeithaus West das jüdische Jahr 5787 begrüßt. Es gab Musik, gute Gespräche und traditionelle Speisen. Viele Menschen verbrachten den Abend gemeinsam. Eine Premiere gab es auch: Zum ersten Mal fand in Ratingen eine Vorschmack-Meisterschaft statt.
Rosch Haschana eröffnet die zehn Tage der Umkehr, auch Tage der Besinnung genannt. Sie führen zu Jom Kippur, dem Versöhnungstag und höchsten jüdischen Feiertag. In diesem Jahr wird er am Montag, 21. September, begangen. Freude und Nachdenklichkeit liegen in dieser Zeit im Festkalender dicht beieinander. Die Feier in Ratingen verband beides: den Blick zurück und den Wunsch nach einem guten neuen Jahr.
Ein neues Jahr beginnt gemeinsam
Vadym Fridman, Gründer und Ehrenvorsitzender des Vereins Schalom, eröffnete den Abend gemeinsam mit dem Vereinsvorsitzenden Vlad Ilstein. Rabbiner Benzion Kaplan führte die Gäste danach in die Bedeutung von Rosch Haschana und in die Traditionen des Festes ein.
Das jüdische Neujahr ist mehr als ein Jahreswechsel. Es lädt zur Selbstprüfung ein. Was war gut im vergangenen Jahr? Wo hätte man anders handeln können? Was soll im neuen Jahr besser werden? Der Zentralrat der Juden beschreibt den Feiertag als Zeit, in der sich der Mensch seiner Verantwortung und seiner moralischen Verpflichtungen bewusst werden soll.
Zu den bekanntesten Symbolen gehört das Schofar, ein Widderhorn. Verbreitet ist auch der Brauch, Apfel mit Honig zu essen. Er ist mit dem Wunsch nach einem guten und süßen neuen Jahr verbunden.
Im Freizeithaus West wurde die Tradition lebendig. Dima Sirota, Koordinator der Jüdischen Gemeinde für Neuss, steuerte einen musikalischen Beitrag bei. Er gehörte zu den besonderen Momenten des Abends.
Fünf Teams und ein traditionsreiches Gericht
Für viel Gesprächsstoff sorgte die erste Ratinger Vorschmack-Meisterschaft. Fünf Teams aus Ratingen, Düsseldorf und Leverkusen traten mit eigenen Varianten des traditionellen Gerichts an. Unter ihnen waren das SODI-Team und eine Kindermannschaft.
Die Rezepte zeigten, wie Tradition weiterlebt. Sie ist kein unveränderliches Museumsstück. Sie lebt durch Familienrezepte, Erinnerungen und unterschiedliche Zubereitungen. Manchmal kommt auch eine neue Idee in die Küche.
Eine prominent besetzte Jury probierte und verglich die Kreationen. Ihr gehörten an:
- Martina Köster-Flashar, stellvertretende Landrätin
- Florian Genbrok (Heiligenhaus) und Detlev Czoske (Ratingen), stellvertretende Bürgermeister
- Dr. Oded Horowitz, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf
- Dr. Wladislaw Korenblum, Gemeinderatsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf
- Sebastian Wladarz, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Haus Oberschlesien
Den ersten Ratinger Vorschmack-Titel sicherte sich das Team SODI.
Lev Ismikhanov, Vorsitzender des Vereins Davidstern aus Leverkusen, unterstützte die Veranstaltung. Olga Levitan und ihre Tochter Talia übernahmen einen besonderen Anteil an Organisation und Durchführung. Zahlreiche weitere Helferinnen und Helfer packten mit an.
Von der Lebensfreude zur Besinnung
Wenige Tage später ändert sich die Stimmung im jüdischen Festkalender. Jom Kippur beschließt die zehn Tage der Besinnung. Der Feiertag beginnt am Vorabend. Gebet, Reue, Umkehr und Vergebung prägen ihn.
Erwachsene gläubige Jüdinnen und Juden fasten von einem Abend bis zum nächsten. Sie verzichten rund 25 Stunden auf Essen und Trinken. Große Teile des Tages verbringen sie in der Synagoge. Für Menschen, deren Gesundheit ein Fasten nicht zulässt, gelten Ausnahmen.
Der Gedanke dahinter ist aktuell. Ein neuer Anfang gelingt nur, wenn man bereit ist, das eigene Verhalten zu hinterfragen, um Verzeihung zu bitten und sich mit anderen auseinanderzusetzen.
Rosch Haschana und Jom Kippur liegen damit näher beieinander, als ihre unterschiedliche Atmosphäre vermuten lässt. Das eine Fest begrüßt ein neues Jahr. Der andere Feiertag fragt danach, was der Mensch aus diesem Neubeginn macht.
Jüdisches Leben sichtbar machen
Eine offene Feier wie die des Vereins Schalom hat in der aktuellen Lage zusätzliche Bedeutung. Antisemitismus ist für viele Jüdinnen und Juden in Deutschland keine abstrakte Debatte. RIAS Nordrhein-Westfalen dokumentierte für 2025 insgesamt 1.102 antisemitische Vorfälle im Land. Das sind 17 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie nie zuvor seit Beginn der Erfassung im Jahr 2022.
Jüdisches Leben lässt sich deshalb nicht allein über Bedrohung, Sicherheitsmaßnahmen und Antisemitismus wahrnehmen. Es besteht ebenso aus Musik und Religion, Essen und Familiengeschichten, Humor, Freundschaften und Festen.
Der Abend im Freizeithaus West zeigte diese Seite. Menschen verschiedener Generationen kamen zusammen. Alte Traditionen trafen auf neue Ideen. Gäste unterschiedlicher Herkunft saßen an einem Tisch. Hier wurde jüdisches Leben nicht besprochen, sondern gelebt.
Zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur liegt nur wenig mehr als eine Woche. Inhaltlich spannt sich dazwischen ein großer Bogen: vom Wunsch nach einem süßen neuen Jahr über die Besinnung bis zur Versöhnung.
In Ratingen begann dieser Weg mit Musik, Begegnungen und einem Wettbewerb um den besten Vorschmack. Er begann gemeinsam.
Schana Towa u-Metuka – ein gutes und süßes neues Jahr.
Bilder des Abends:



