Ratingen | Die Beschädigung der Gedenktafel am früheren Standort der Ratinger Synagoge hat in der Stadt Entsetzen ausgelöst. Am frühen Sonntagmorgen wurde die Tafel im Durchgang zwischen Synagogengasse und Bechemer Straße schwer beschädigt. Nach bisherigen Erkenntnissen sollen drei Jugendliche daran beteiligt gewesen sein. Der Staatsschutz ermittelt. Ein antisemitisches Motiv ist bislang nicht nachgewiesen. Bei einem gezielten Angriff auf ein jüdisches Erinnerungszeichen liegt diese Frage jedoch nahe.
Ausgerechnet vor Jom Kippur
Der Zeitpunkt gibt dem Vorfall eine besondere Schwere. Die Beschädigung wurde am frühen Morgen des 20. September festgestellt – wenige Stunden vor Beginn von Jom Kippur am Abend. Der Versöhnungstag am 20. und 21. September gehört zu den höchsten Feiertagen des Judentums. Für viele Menschen in der Stadt macht genau das den Angriff so schwer zu ertragen.
Ein Ort mit langer Geschichte
Die zerstörte Tafel erinnert an die Ratinger Synagoge, die um 1817 an der Bechemer Straße errichtet wurde. Jüdisches Leben ist in Ratingen bereits seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar. Unter dem Druck der Nationalsozialisten musste das Synagogengebäude 1936 verkauft werden. 1940 wurde es abgerissen. Ende 1939 lebte kein jüdischer Einwohner mehr in Ratingen. Von 71 später erforschten Biografien Ratinger Juden ist bekannt, dass mindestens 26 Menschen in nationalsozialistischen Lagern ermordet wurden.
Hilde Bruch zeigt, was Ratingen verlor
Was hinter solchen Zahlen steht, zeigt der Lebensweg von Dr. Hilde Bruch. Die 1904 geborene jüdische Ärztin eröffnete im Oktober 1932 am Ratinger Marktplatz eine eigene Praxis als Kinderärztin. Nur wenige Monate später machten die Nationalsozialisten ihr eine berufliche Zukunft in Deutschland unmöglich. 1933 verließ sie Ratingen. Sie floh zunächst nach England, 1934 weiter in die Vereinigten Staaten.
Dort begann eine außergewöhnliche wissenschaftliche Karriere. Bruch arbeitete und lehrte unter anderem an der Columbia University. Später wurde sie Professorin für Psychiatrie am Baylor College of Medicine in Houston. International machte sie sich vor allem durch ihre Forschung zu Adipositas und Essstörungen einen Namen. Aus der jungen Kinderärztin, die aus Deutschland vertrieben worden war, wurde eine weltweit anerkannte Medizinerin und Psychoanalytikerin.
Erst im vergangenen Jahr hat Ratingen Bruch mit einem eigenen „FrauenOrt“ gewürdigt. Bei der Einweihung erinnerte der damalige Kulturdezernent und heutige Bürgermeister Patrick Anders daran, dass Ratingen 1933 für Menschen jüdischen Glaubens „feindselig und gefährlich“ geworden war.
Erinnerung, die weit über Stein hinausgeht
Damit bekommt auch die beschädigte Tafel eine Bedeutung, die weit über ein Stück Material an einer Hauswand hinausgeht. Sie erinnert an Menschen, deren Nachbarn, Freunde, Patienten oder Geschäftspartner einst mitten in Ratingen lebten – und die ausgegrenzt, vertrieben oder ermordet wurden.
In einer Stellungnahme zum Vorfall heißt es dazu: „Man kann Stein zerbrechen. Aber Erinnerung kann man nicht auslöschen.“ Gemeinsam mit Dr. Bastian Fleermann, Direktor der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, und Vlad Ilstein, Vorsitzender des Jüdischen Kulturvereins Schalom, wurde der beschädigte Erinnerungsort besichtigt. Die Botschaft dabei: Antisemitismus beginnt nicht erst dort, wo Menschen körperlich angegriffen werden. Er beginnt bereits dort, wo Erinnerung beseitigt und jüdisches Leben ausgegrenzt wird.
Rat reagiert geschlossen
Auch im Ratinger Stadtrat war die Zerstörung der Gedenktafel am Dienstagabend Thema. Bürgermeister Patrick Anders sagte zu, die beschädigte Tafel schnellstmöglich reparieren oder ersetzen zu lassen. Die Stadt wolle damit nicht nur ihr Entsetzen ausdrücken. Sie wolle sichtbar zeigen, wie unverbrüchlich sie an der Seite ihrer jüdischen Mitbürger steht und welchen Stellenwert die Erinnerung an das während der NS-Zeit begangene Unrecht hat.
Unmittelbar im Anschluss signalisierten sämtliche Ratsfraktionen, eine gemeinsame Erklärung zu unterstützen. Darin soll die Beschädigung des Erinnerungszeichens verurteilt werden. Zugleich soll sie die Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung, ihren Nachkommen und dem heutigen jüdischen Leben unterstreichen.
Zusammenhalt als Antwort
Genau darin liegt die eigentliche Lehre aus diesem Vorfall. Ein einzelner Akt der Zerstörung kann viel Schmerz auslösen – aber er entfaltet seine Wirkung vor allem dann, wenn eine Stadt schweigt oder wegschaut. Ratingen tut das Gegenteil. Stadtverwaltung, Rat, die Stiftung Haus Oberschlesien und die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf ziehen an einem Strang. Genau dieser gemeinsame Auftritt ist es, der zählt: Erinnerung lässt sich nur dann dauerhaft schützen, wenn viele Menschen und Institutionen sie gemeinsam tragen. Wo eine Gesellschaft geschlossen reagiert, verliert ein solcher Angriff seine Wirkung. Die zerstörte Tafel wird wiederhergestellt. Und mit ihr wird erneut sichtbar, woran sie erinnern soll. Denn die Geschichte von Menschen wie Hilde Bruch zeigt, wohin Ausgrenzung führen kann – und warum eine Stadt ihre Erinnerung nur gemeinsam bewahren kann.




