750 Jahre Wirtschaftsgeschichte: Wie Ratingen vom mittelalterlichen Mühlendorf zum internationalen Unternehmensstandort wurde: Ein Vortrag von Michael Lumer.
Wer heute durch Ratingen fährt, begegnet der Industriegeschichte der Stadt oft, ohne sie auf den ersten Blick zu erkennen.
Der Blaue See erzählt von jahrhundertelangem Kalkabbau, Straßennamen erinnern an ehemalige Werke, alte Schornsteine stehen zwischen moderner Bebauung, im Osten der Stadt haben Bürokomplexe längst jene Flächen übernommen, auf denen einst gegossen, geschmiedet und Maschinen gebaut wurden. Wie tief diese wirtschaftliche Entwicklung in der Geschichte Ratingens verwurzelt ist, zeigte Michael Lumer am Dienstag, 25. August, bei einem Vortrag im Bürgerhaus.
Der Vorsitzende des Vereins für Heimatkunde und Heimatpflege nahm sein Publikum mit auf eine Reise, die weit vor der eigentlichen Industrialisierung begann. Der obere Saal des Bürgerhauses war bis auf den letzten Platz besetzt – ein deutliches Zeichen dafür, wie groß im Jubiläumsjahr das Interesse an der eigenen Stadtgeschichte ist.
Der Abend gehörte zur Reihe der „Jonges-Abende im Bürgerhaus“. Ins Leben gerufen wurde das Format 2023 von Jonges-Baas Edgar Dullni. Die regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen sollen Geselligkeit und Information miteinander verbinden. Etwa alle zwei Monate kommen Referenten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Stadtgesellschaft in den oberen Saal des Bürgerhauses; anschließend besteht Gelegenheit zur Diskussion. Zu Gast waren in den vergangenen Jahren beispielsweise der Landtagsabgeordnete Jan Heinisch, Kulturamtsleiterin Andrea Töpfer, Meteorologe Ulrich Otte oder RMG-Geschäftsführer Dirk Bongards. Auch gesellschaftliche Themen wie Einsamkeit oder künstliche Intelligenz standen bereits auf dem Programm.
Diesmal ging es allerdings um einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten. Lumer wollte dabei ausdrücklich keine Aneinanderreihung einzelner Firmengeschichten liefern. Sein Anliegen war vielmehr, den „roten Faden“ der wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung Ratingens sichtbar zu machen.

Wasser war Ratingens erste Energiequelle
Der Ausgangspunkt liegt im Mittelalter. Schon früh entwickelte sich Ratingen zu einem Pfarr- und Marktdorf. Die Bachlandschaft spielte dabei eine erhebliche Rolle. Anger, Haarbach und Schwarzbach lieferten nicht nur Wasser, sondern Energie. An der Anger befanden sich zahlreiche Mühlen und Schleifkotten. In einem von Lumer gezeigten historischen Kartenausschnitt waren allein acht Mühlen und sechs Schleifkotten entlang der Anger verzeichnet, am Haarbach weitere zwei.
Wo geschliffen wurde, entstanden entsprechende Handwerke. Schmiede, Messermacher, Scherenmacher, Harnisch- und Sporenmacher sowie Büchsenmeister gehörten zur damaligen Wirtschaftsstruktur. Für das 14. und 15. Jahrhundert lassen sich zahlreiche Vertreter dieser Berufe nachweisen. Gemessen an einer Stadt mit damals kaum mehr als 1.000 Einwohnern war ihre Zahl beachtlich. Dass sich bereits eine Schmiedebruderschaft gebildet hatte, zeigt, welche Bedeutung das Gewerbe besaß.
Ein weiterer Standortvorteil war die Verkehrslage. Ratingen lag nahe wichtiger historischer Fernwege. Ost-West- und Nord-Süd-Verbindungen kreuzten sich im Raum Ratingen; über die alte Kalkstraße bestand zudem eine Verbindung zum Rhein. Mit der Stadterhebung 1276 gewann der Ort zusätzlich wirtschaftliches Gewicht, auch wenn für Graf Adolf von Berg strategische Erwägungen mindestens ebenso wichtig waren. Die neue Stadt wurde befestigt, zunächst mit Palisaden, später mit einer steinernen Mauer.
Im 14. und 15. Jahrhundert erlebte Ratingen eine Blütezeit. Das Rheinische Institut für Landeskunde bestätigt, dass seit 1362 zahlreiche Zünfte und Bruderschaften nachweisbar sind.
Doch die Entwicklung verlief keineswegs geradlinig.
Vom Wohlstand zum beinahe bedeutungslosen Flecken
Mit dem Aufstieg Düsseldorfs verlor Ratingen zunehmend an Bedeutung. 1511 wurde Düsseldorf Residenzstadt, später Landesfestung. Handel und Gewerbe in Ratingen gingen zurück. Besonders verheerend wirkten die Kriege des 17. und 18. Jahrhunderts. 1641 wurde die Stadt nach Lumers Darstellung vollständig zerstört; die Einwohnerzahl sei zeitweise auf etwa 140 Menschen gefallen. Auch Spanischer Erbfolgekrieg und Siebenjähriger Krieg verhinderten eine schnelle Erholung.
Damit unterscheidet sich Ratingens Entwicklung beispielsweise von Solingen oder Velbert. Dort wuchsen später bedeutende Industriezweige unmittelbar aus traditionellen Gewerben wie der Klingen-, Schloss- oder Beschlagherstellung heraus. Ratingen musste sich wirtschaftlich weitgehend neu erfinden.
Was die Stadt besaß, waren jedoch Rohstoffe.
Ton, Kalk und der „Ratinger Marmor“
Über Jahrhunderte wurden im heutigen Stadtgebiet Bodenschätze gewonnen. Ton spielte insbesondere in Ratingen, Breitscheid und Lintorf eine Rolle. Er wurde für Ziegel, Dachziegel, Tonröhren und Töpferwaren benötigt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren nach Lumers Unterlagen allein in Ratingen 144 Ziegeleiarbeiter beschäftigt. Der Tonabbau gehörte damit zeitweise zu den wichtigsten Erwerbszweigen.
Noch sichtbarer sind die Spuren der Kalkgewinnung. Im Norden lagen die Steinbrüche, aus denen später der Blaue See hervorging, im Süden wurde im Bereich des heutigen Marmorbruchs Kalkstein gewonnen.
Der Begriff „Ratinger Marmor“ führt dabei ein wenig in die Irre. Es handelt sich um Kalkstein. Durch jahrhundertelange Beanspruchung kann seine Oberfläche jedoch dunkel und glatt werden und dadurch marmorähnlich wirken. Beispiele finden sich laut Lumer noch heute an der Adler-Apotheke sowie am Tauf- und an den Weihwasserbecken von St. Peter und Paul. Auch Schloss Hugenpoet besitzt einen Treppenaufgang aus diesem Material.
Am Blauen See erinnern noch Kalköfen an diese Epoche. Die dortigen Cromforder Kalksteinbrüche bestanden bis 1932. Eine große Ringofenanlage erreichte nach Lumers Angaben zeitweise eine Kapazität von rund 600 Tonnen Kalk täglich.
Ein Zufallsfund wird zum Wirtschaftszweig
Eine besonders anschauliche Episode betrifft den Ratinger Formsand. August Zimmermann war um 1840 von Mettmann nach Ratingen gekommen und betrieb am Haus Kronenthal ein Transportunternehmen mit rund 40 Pferden. Für Gießereien transportierte er unter anderem Formsand, der damals aus Österreich kam.
Bei Bauarbeiten auf seinem eigenen Gelände entdeckte Zimmermann einen ähnlichen Sand. Eine Untersuchung ergab, dass er sich ebenfalls für Gussformen eignete. 1854 entstand daraus die älteste Ratinger Formsandgrube. Aus dem Transportunternehmer wurde ein Grubenbesitzer.
Zunächst brachten Pferde den Sand aus den Gruben, später entstanden Verladerampen und sogar eine etwa 800 Meter lange Seilbahn bis ins Angertal. Weitere Gruben lagen unter anderem bei Frommeskothen, an der Hahnerheide und im Bereich des heutigen Waldfriedhofs. Selbst bei modernen Ausschachtungen, etwa an der Balcke-Dürr-Allee, trat der für Ratingen einst wirtschaftlich bedeutsame Sand noch zutage.
Lintorf und eine frühe Dampfmaschine
Noch bevor in Cromford die industrielle Revolution sichtbar wurde, schrieb Lintorf Technikgeschichte.
Erzbergbau ist dort bereits seit dem 16. Jahrhundert belegt. Gefördert wurden unter anderem Bleiglanz, Zinkblende, Schwefel- und Kupferkies sowie Alaun und Vitriol. Letztere wurden unter anderem bei der Papierbleiche, Ledergerbung und Tuchfärberei eingesetzt.
1746 übernahm der Düsseldorfer Unternehmer Heinrich Kirschbaum den Bergbau und leitete einen planmäßigeren Abbau ein. Von besonderer Bedeutung war eine atmosphärische Dampfmaschine, die spätestens Anfang 1753 in Betrieb war. Eine bergbauhistorische Untersuchung von Michael Lumer selbst belegt, dass Nachrichten über die Maschine bereits im Februar 1753 bis in den Harz gelangt waren.
Das Problem blieb allerdings das Wasser. Immer leistungsfähigere Pumpen sollten die Gruben trocken halten. Zeitweise mussten nach Lumers Angaben bis zu 90 Kubikmeter Wasser pro Minute bewältigt werden. Dauerhaft gelang dies nicht. 1902 wurde schließlich der Ausstieg aus dem Bergbau beschlossen.
Cromford: Der große Sprung in das Industriezeitalter
Dann kommt jener Name, ohne den Ratingens Industriegeschichte kaum erzählt werden kann: Cromford.
1783/84 gründete Johann Gottfried Brügelmann an der Anger eine mechanische Baumwollspinnerei. Das heutige LVR-Industriemuseum bezeichnet sie als erste vollmechanische Baumwollspinnerei auf dem europäischen Kontinent.
Brügelmann orientierte sich an Richard Arkwrights englischer Fabrik in Cromford bei Derby und ließ sich technisches Wissen über die dort entwickelten Waterframes beschaffen. Diese durch Wasserkraft betriebenen Spinnmaschinen ermöglichten eine völlig neue Form der Massenproduktion.
Damit erhielt auch die Anger eine neue Rolle. Jahrhunderte zuvor hatte sie Mühlen und Schleifkotten angetrieben, nun lieferte sie Energie für Fabrikmaschinen. Brügelmann ließ zusätzlich einen Teich als Wasserreservoir anlegen, um Schwankungen der Wasserführung ausgleichen zu können.
1799 entstand die zweite Fabrik, die sogenannte „Fabrik am Teich“, 1800 das Herrenhaus Obercromford. Der Betrieb bestand in verschiedenen Formen bis 1977. Die Industrialisierung hatte allerdings auch ihre dunklen Seiten: In der Spinnerei arbeiteten wie in vielen Fabriken des 18. und 19. Jahrhunderts Kinder. Gerade ihre kleinen Hände wurden genutzt, wenn gerissene Fäden an den Maschinen wieder verbunden werden mussten.
Das LVR-Industriemuseum greift diesen Aspekt heute ausdrücklich auf: Die Maschinen mit offenen Antrieben und scharfen Teilen bedeuteten für Männer, Frauen und insbesondere Kinder ein erhebliches Unfallrisiko.
Papier folgt der Baumwolle
Nur wenige Jahre nach Cromford entstand ein weiterer Industriezweig. 1789 erhielt Johann Bargmann das Privileg zur Einrichtung einer Papierfabrik. Zunächst wurde dort noch von Hand geschöpft.
1852 übernahm August Bagel den Betrieb, baute ihn aus und modernisierte die Energieversorgung zunächst mit einer Wasserturbine, später mit Dampfmaschinen. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten dort noch rund 150 Menschen; 1980 endete die Papierproduktion. Daneben existierten weitere Papierbetriebe, etwa am Schimmershof und am Angerbach. Aus der gräflich Spee’schen Papierfabrik entwickelte sich später die Papiersackfabrik TENAX.
Doch trotz Cromford, Papierindustrie, Ziegeleien und Rohstoffabbau fehlte Ratingen zunächst etwas Entscheidendes: leistungsfähige Verkehrsverbindungen.

Die Eisenbahn verändert die Stadt
Genau hier setzte Lumer einen seiner wichtigsten Wendepunkte.
1872 erhielt Ratingen die Ostbahn, 1874 folgte die Westbahn. Damit begann im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts jene Industrialisierung, die das Stadtbild nachhaltig verändern sollte. 1903 kam die Kalkbahn hinzu.
Der Rheinische Städteatlas kommt zu einer ähnlichen Bewertung: Der eigentliche wirtschaftliche Aufschwung Ratingens setzte mit den Eisenbahnverbindungen ein. Nun konnten Rohstoffe, Produkte und Arbeitskräfte deutlich leichter zwischen Rheinland und Ruhrgebiet transportiert werden.
Die Wirkung lässt sich auch an den Einwohnerzahlen ablesen. Ende des 18. Jahrhunderts lebten nach Lumers Angaben etwa 3.000 Menschen in Ratingen, ein Jahrhundert später waren es bereits rund 10.000. Die neuen Fabriken reihten sich regelrecht entlang der Bahnstrecken auf.
Die Stadt nutzte damit einen Standortvorteil, der ihr bis heute geblieben ist: die Lage zwischen Düsseldorf, dem Ruhrgebiet und dem Rhein.
Ratingen wird zur Metallstadt
1859 war mit Nöckel, später Nöckel & Wellenstein beziehungsweise Eschweiler-Ratinger Metallwerke, bereits ein metallverarbeitender Betrieb gekommen. Nach Eröffnung der Bahnlinien beschleunigte sich die Entwicklung erheblich.
1883 entstand Dürr & Co., 1893 die Ratinger Maschinenfabrik und Eisengießerei, 1903 die Düsseldorfer Eisenhütten AG. Hinzu kamen Tonwerk, Eisenwerk, die spätere Ziegeleimaschinenfabrik Besta und 1907 die Geldschrankfabrik Adolphs.
Wer heute durch Ratingen-Ost fährt, bewegt sich somit über einen der bedeutendsten historischen Industriekerne der Stadt.
Genau diese Geschichte versucht der von Michael Lumer initiierte Industriepfad sichtbar zu halten. Das Projekt entstand 2010 im Zusammenhang mit der Ausstellung „250 Jahre Industriegeschichte“ im Museum Cromford. Mehrere Stelen erinnern inzwischen an ehemalige Standorte. Drei Routen – entlang der Anger sowie der Ost- und Westbahn – ergeben zusammen rund 28 Kilometer.
Die DAAG – Aufstieg und abruptes Ende
Einer der spektakulärsten Namen dieser Epoche war die Deutsche Last-Automobil-Aktiengesellschaft, kurz DAAG.
1910 wurde das Unternehmen in der Nähe der Ostbahn gegründet. Mit aufwendigen Test- und Werbefahrten, unter anderem über Tausende Kilometer durch den Balkan, demonstrierte die Firma die Leistungsfähigkeit ihrer Lastwagen. Die Fahrzeuge wurden von Feuerwehren, Brauereien, kommunalen Betrieben, dem Zirkus Sarrasani und vor allem der Reichspost eingesetzt.
In den 1920er Jahren beschäftigte die DAAG etwa 1.200 Menschen und war damit der bedeutendste Arbeitgeber Ratingens. 1925 galt sie als führender Omnibusproduzent in Deutschland.
Dann kam das abrupte Ende. 1929 übernahm Krupp die Aktienmehrheit, 1930 wurde die DAAG liquidiert. Lumer ordnete dies zugleich in die Weltwirtschaftskrise ein, die Ratingen wie andere Industriestädte hart traf.
An der Westbahn entwickelten sich ebenfalls bedeutende Unternehmen, darunter die Rheinische Spiegelglasfabrik und die Twyford-Werke, die seit 1918 unter dem Namen Keramag firmierten. Eine bemerkenswerte Randnotiz: Mit Keramag kam 1904 nach Lumers Darstellung auch der Fußball nach Ratingen.
Nach dem Krieg beginnt eine zweite Transformation
1936 übernahm Calor-Emag das Gelände der ehemaligen DAAG. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das Unternehmen zum größten Industriebetrieb Ratingens; bereits 1949 beschäftigte es mehr als 800 Arbeitnehmer.
Doch nach 1945 veränderte sich ein weiterer entscheidender Standortfaktor.
Was im 19. Jahrhundert die Eisenbahn gewesen war, wurde nun die Autobahn. A3, A52, A44 und A524 sowie das Autobahnkreuz Breitscheid rückten Ratingen in eine außergewöhnlich günstige Verkehrslage. Hinzu kam der Ausbau des Düsseldorfer Flughafens.
Diese Entwicklung führte in Tiefenbroich zu einer bemerkenswerten Konsequenz. Wegen der Einflugschneise des Flughafens waren dort größere Wohnbauentwicklungen nur eingeschränkt möglich. Ratingen nutzte die Flächen stattdessen für Gewerbe und Industrie. Seit Mitte der 1960er Jahre wurden große Bereiche um Siemensstraße, Halskestraße, Robert-Zapp-Straße und Borsigstraße als Industriegebiet entwickelt.
Heute befindet sich dort das größte Industrie- und Gewerbegebiet Ratingens.
Aus Schwerindustrie werden Technologie und Dienstleistungen
Seit den 1970er- und 1980er-Jahren setzte ein weiterer grundlegender Wandel ein. Traditionsbetriebe verschwanden, andere verlagerten ihre Standorte. Die klassische Eisen- und Stahlindustrie verlor massiv an Bedeutung. Gleichzeitig kamen neue Unternehmen nach Ratingen oder wurden hier gegründet. Dieser Strukturwandel setzte sich über die 1990er-Jahre bis weit ins 21. Jahrhundert fort.
Das LVR-Industriemuseum beschreibt diese Entwicklung als Wandel eines Industriestandortes, der bis heute durch seine Infrastruktur, Flächen und Arbeitskräfte attraktiv geblieben ist. Auf alte Namen wie Balcke-Dürr oder Keramag folgten Unternehmen aus Technologie, Dienstleistungen und internationaler Wirtschaft.
Besonders deutlich wird das im Ratinger Osten. Wo einst Metallindustrie dominierte, entstanden neue Büro- und Gewerbequartiere. Lumer zeigte Beispiele wie das Triangel-Haus, die ehemaligen Esprit-Gebäude sowie Standorte von DKV, Mitsubishi, SAP und Fujifilm. Dabei gehört auch Veränderung zur Geschichte: Unternehmen wie Esprit oder Coca-Cola sind an ihren früheren Ratinger Standorten inzwischen wieder verschwunden.
Und dennoch ist die Grundidee erstaunlich konstant geblieben.
Der Standortvorteil zieht sich durch 750 Jahre
Wasser, Fernwege, Eisenbahn, Autobahn, Flughafen – betrachtet man Ratingens Wirtschaftsgeschichte über Jahrhunderte, ändern sich zwar Technik und Branchen, nicht aber die zentrale Bedeutung guter Infrastruktur.

Im Mittelalter trieben Anger und Schwarzbach Mühlen und Schleifkotten an. Im 18. Jahrhundert nutzte Brügelmann dieselbe Wasserkraft für mechanische Spinnmaschinen. Im 19. Jahrhundert machte die Eisenbahn die Ansiedlung großer Metallbetriebe möglich. Im 20. Jahrhundert wurden Autobahnen und Flughafen zu neuen Standortfaktoren. Und heute profitieren international tätige Unternehmen von genau dieser Lage zwischen Düsseldorf, Ruhrgebiet, Rheinland und einem der größten Flughäfen Deutschlands.
Vielleicht war es gerade dieser große Zusammenhang, der den Vortrag im voll besetzten Bürgerhaus so interessant machte. Lumers Geschichte handelte nicht nur von Unternehmen, Maschinen und Jahreszahlen. Sie zeigte, dass sich auch das heutige Ratingen nur verstehen lässt, wenn man weiß, was an vielen Stellen zuvor gewesen ist.
Manche Spuren sind offensichtlich: Cromford, der Blaue See, alte Fabrikgebäude oder ein stehen gebliebener Schornstein. Andere liegen unter modernen Straßen, Bürohäusern und Wohngebieten. Der Industriepfad, dessen Hauptinitiator Michael Lumer ist, macht einen Teil davon wieder sichtbar. Dass die Beschäftigung mit diesem Erbe keineswegs nur rückwärtsgewandt ist, zeigte der Abend ebenfalls. Geschichte erklärt, warum eine Stadt so aussieht, wie sie heute aussieht – und warum sie sich wirtschaftlich gerade dort entwickelt hat, wo wir ihre Unternehmen heute finden. Der Industriepfad ist deshalb nicht lediglich Erinnerung an verschwundene Fabriken, sondern eine Art begehbares Gedächtnis der Stadt.
Lumer selbst fasste die Jahrhunderte in wenigen Entwicklungsschritten zusammen: Auf die wirtschaftliche Blüte des 14. und 15. Jahrhunderts folgten Niedergang und eine lange Phase langsamer Erholung. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam mit Eisenbahn und Industrialisierung die entscheidende Wende. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden neue Industriezweige, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ratingen Teil des Wirtschaftswunders. Seit den 1970er- und 1980er-Jahren bestimmen Strukturwandel, Neuansiedlungen und die zunehmende Bedeutung moderner Wirtschaftsbranchen die Entwicklung.
So führte der Weg an diesem Abend vom Mühlrad über Waterframe, Dampfmaschine, Eisenbahn und Lastwagen bis zu den modernen Unternehmensstandorten des 21. Jahrhunderts – eine Reise durch rund 750 Jahre Stadtgeschichte, und zugleich die Geschichte einer Stadt, die ihre wirtschaftliche Zukunft immer wieder neu erfunden hat.




