Kein Eis vor Oktober: Marode Träger stoppen Saisonstart der Ice Aliens

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Die Ratinger Eissporthalle, Bild: Alexander Heinz
Die Ratinger Eissporthalle, Bild: Alexander Heinz

Ratingen | Der Saisonstart der Ratinger Ice Aliens ist geplatzt. Wegen erheblicher Schäden am Tragwerk der Eissporthalle Am Sandbach kann Anfang September kein Eis zur Verfügung gestellt werden. Ob zumindest im Oktober ein eingeschränkter Betrieb möglich wird, ist offen – und selbst das ist laut Stadt nur ein Best-Case-Szenario.

Vier von zwölf Trägern betroffen

Bei einer turnusmäßigen Prüfung im Juni waren zunächst Risse an einem Träger aufgefallen. Eine vertiefte Untersuchung ergab ein ernsteres Bild: Mindestens vier der zwölf Träger gelten als akut sanierungsbedürftig. Berechnungen und Messungen sollen nun klären, unter welchen Bedingungen das Tragwerk noch sicher genutzt werden kann. Hinzu kommen technische Probleme: Die Ammoniak-Kälteanlage muss bei der Notfallabsicherung nachgerüstet werden, außerdem ist ein Wärmetauscher ausgefallen.

Bürgermeister Patrick Anders informierte den Vorstand der Ice Aliens am vergangenen Freitag: „Mir ist völlig klar, wie extrem schwierig die Situation für die Ice Aliens wird, wenn ihnen die Eissporthalle nicht zur Verfügung steht. Aber ebenso klar muss sein, dass wir nicht öffnen können, wenn Leib und Leben der Besucherinnen und Besucher in Gefahr ist.“ Zum Oktober-Termin sagte er: „Vielleicht schaffen wir es, aber das wäre ein Best-Case-Szenario, das noch durch viele Unwägbarkeiten durchkreuzt werden kann.“ Der Verein selbst rechnet „Anfang bis Mitte Oktober“ mit einer Wiedernutzung – für erste Mannschaft und gesamten Nachwuchs.

2012 gab es schon einmal Alarm

Ratingen hat eine solche Situation bereits erlebt – an derselben Bauteilgruppe. Im Dezember 2012 wurde die Halle geschlossen, nachdem „von außen nicht erkennbare Schäden im Innern der Holzleimbinder“ an acht Trägern entdeckt worden waren. Dem Verein drohte damals eine existenzielle Krise, die Ratsfraktion Bürger-Union beantragte eine Soforthilfe von 50.000 Euro. Die Halle wurde saniert, die Leimbinder 2013 instand gesetzt. Die jetzige Situation ist also eine Neuauflage eines bekannten Risikos: Die tragenden Holzleimbinder neigen offenbar dazu, im Inneren unsichtbare Schäden zu entwickeln, die nur durch wiederkehrende, gründliche Prüfungen rechtzeitig auffallen.

Auch sonst ist der Saisonstart in Ratingen kein Selbstläufer: 2022 verzögerte sich die Eisbereitung wegen Energiesparmaßnahmen bis zum 21. September, alle Vorbereitungsspiele fielen aus. Im vergangenen Jahr wurden für rund 700.000 Euro Beleuchtung, Stromverteiler und Elektrik erneuert, dabei auch Asbest saniert – die Saison begann dennoch pünktlich.

Vergleich mit Bad Reichenhall

Am 2. Januar 2006 stürzte das Dach der Eislauf- und Schwimmhalle in Bad Reichenhall ein, 15 Menschen starben, zwölf davon Kinder und Jugendliche, 34 wurden verletzt. Ursache waren fehlerhafte Leimbinder: Der Leim auf Harnstoffharzbasis verlor unter Feuchtigkeit seine Klebewirkung – ein Schaden im Inneren der Holzträger, von außen praktisch nicht erkennbar. Starke Schneelast brachte die geschwächte Konstruktion schließlich zum Einsturz. Die 1971 bis 1973 gebaute Halle war damals 33 Jahre alt; 2008 wurde ein Konstrukteur wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, Architekt und Statiker wurden freigesprochen.

Die Parallele zu Ratingen ist auffällig, auch wenn beide Bauwerke nicht baugleich sind. Die Eissporthalle Am Sandbach wurde 1979 begonnen und 1981 eröffnet: eine stützen- und balkenfreie Dreigelenk-Binderkonstruktion mit knapp 78 Metern Spannweite, bei Eröffnung als eine der modernsten Eishallen Europas gefeiert. Tragend sind – wie in Bad Reichenhall – großformatige Holzleimbinder, deren Verklebung unter Feuchtigkeit und Alterung nachlassen kann. Genau dieser Mechanismus trat 2012 in Ratingen auf und zeigt sich nun offenbar erneut.

Der entscheidende Unterschied liegt im Prüfsystem: Nach Bad Reichenhall wurde 2008 die Richtlinie für die Überwachung der Verkehrssicherheit baulicher Anlagen überarbeitet und sieht seither feste Intervalle für großflächig überdachte Bauten vor – Begehung alle zwei Jahre, Prüfung alle vier bis fünf Jahre, gutachterliche Untersuchung alle zwölf bis fünfzehn Jahre. Verbindlich ist das nur für Bundesbauten und in Bayern, in Nordrhein-Westfalen gilt es als Empfehlung. Dass Ratingen dennoch turnusmäßig prüft und so die Risse im Juni fand, zeigt: Das Prinzip funktioniert – der Schaden wurde vor der Wiedereröffnung entdeckt, nicht erst unter Belastung.

Die aktuelle Lage bleibt dennoch eine neue Größenordnung: Es geht nicht mehr nur um einen technischen Defekt oder einen engen Bauzeitenplan, sondern um die Tragfähigkeit der inzwischen 45 Jahre alten Halle – und damit, wie Bad Reichenhall auf traurige Weise zeigt, unmittelbar um die Sicherheit ihrer Nutzerinnen und Nutzer.