
Ratingen | Zwei stadthistorisch wertvolle Bücher erhielt das Ratinger Stadtarchiv jetzt vom Archiv der Stadt Neuss: aufwendig und kunstvoll gearbeitete Gedenkbücher für die Gefallenen des Ersten sowie des Zweiten Weltkriegs aus der Kirchengemeinde St. Anna Lintorf. Jeder einzelne der Männer, die als Soldaten ihr Leben verloren haben, ist dort mit Bild, sofern vorhanden, und Kurzbiografie aufgeführt. Auftraggeberin dieser Werke war mutmaßlich die Gemeinde St. Anna.
Biografien geben seltenen Einblick
„Was diese Gedenkbücher aus heimathistorischer Perspektive so wertvoll macht, sind die doch recht ergiebigen Biografien dieser meist sehr jungen Männer aus Lintorf“, sagt Ratingens Stadtarchivar Dr. Sebastian Barteleit. „Dadurch erfahren wir viel mehr über die Menschen als aus üblichen Quellen wie Standesamtseinträgen.“ Sein Neusser Amtskollege Dr. Jens Metzdorf verweist auch auf die vielen Fotos in den Gedenkbüchern, die zu Zeiten entstanden seien, als die Fotografie noch nicht allgegenwärtig war. Gerade die Bilder der Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg haben daher einen gewissen Seltenheitswert.
Handwerkskunst eines Buchbindemeisters
Die Gedenkbücher selbst sind zudem in mehrfacher Hinsicht eindrucksvolle Beispiele für hohe Handwerkskunst. Hergestellt hat sie der Gewerbeoberlehrer Joseph Stader, der ein wahres Multitalent war. Der Buchbindemeister hat nicht nur das Buch selbst samt Einband kunstvoll hergestellt, sondern auch die Seiten gestaltet. Als versierter Kalligraf hat er sogar die Texte formvollendet mit der Hand geschrieben.
Fund im Nachlass nach Jahrzehnten
Gefunden wurden die Bücher 2025 im Nachlass der Familie Stader in Neuss. Nach dem Tod von Joseph Stader im Jahr 1971 hatte sein Sohn Johann Joseph, der ebenfalls Buchbinder war, die private Werkstatt weitergeführt. Nach dessen Tod 2007 geriet sie jedoch völlig in Vergessenheit und wurde erst wieder geöffnet, als die Nachkommen die Immobilie verkaufen wollten.
Der in der Werkstatt gefundene Nachlass wurde dem Stadtarchiv Neuss übergeben, der laut Marcus Janssens, Leiter der Bestandserhaltung des Stadtarchivs Neuss, in einem Beitrag für das Jahrbuch „Novaesium 2025“ nahezu ein geschlossenes Bild auf das handwerkliche und künstlerische Schaffen der beiden Handwerksmeister ermöglicht. Janssens hat auch dafür gesorgt, dass die beiden Lintorf-Bände fachgerecht gereinigt und restauriert wurden. Die Materialien befinden sich grundsätzlich in einem guten Zustand, eines der Bücher weist allerdings auf den letzten Seiten Feuchtigkeitsschäden auf, die nun gewissermaßen archivalisch konserviert wurden, sodass einerseits der vorgefundene Zustand dokumentiert wurde, die Schäden sich aber nicht ausweiten können.
Wie die Bücher nach Neuss kamen
Doch wie kamen die Bücher eigentlich nach Neuss, und warum hat sie in Lintorf niemand vermisst? Das weiß man nicht ganz genau, aber das Puzzle fügt sich allmählich zusammen. Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass die Gemeinde St. Anna die Gedenkbücher bei Joseph Stader in Auftrag gegeben hat. Michael Lumer, Vorsitzender des Ratinger Heimatvereins, in Lintorf aufgewachsen und dort eng eingebunden in die katholische Kirchengemeinde, sagte bei der Übergabe der Archivalien: „Ich kann mich aus meiner Kindheit noch gut erinnern, dass die Bücher in der Kirche auslagen.“ Die Erinnerung sei auch deshalb noch so lebendig, weil im Gedenkbuch für den Zweiten Weltkrieg auch sein Onkel aufgelistet ist.
Solche Gedenkbücher waren durchaus verbreitet in Kirchengemeinden. Warum die Lintorfer Werke indes wieder nach Neuss gelangten, ist nicht genau bekannt. Vermutlich wurden sie Joseph Stader zur Reparatur oder Ergänzung geschickt. Die Erkrankung oder der Tod des Buchbindemeisters 1971 verhinderten dann jedoch, dass er die Arbeiten noch ausführen konnte. Und in der Lintorfer Pfarrei gab es zu jenem Zeitpunkt personelle Wechsel. Jedenfalls gerieten die Bücher in Vergessenheit und wurden 2025 in Neuss aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt.
Erschütternde Sachlichkeit
Der Inhalt der Bücher ist trotz, oder wohl eher gerade wegen, der betonten Sachlichkeit der Biografien erschütternd. Seite um Seite junge Männer, sehr oft nicht einmal 20 geworden, die ihr Leben nicht führen durften. Allein schon das Volumen der Bände gibt einen Eindruck, wie viele es waren. Und dabei sind es nur diejenigen aus der katholischen Gemeinde St. Anna Lintorf.




