
Ratingen | Die Jahreshauptversammlung der Ratinger Jonges in der Stadthalle stand am Donnerstag zwar formal im Zeichen von Totengedenken, Ehrungen, Jahresrückblick und Vereinsprogramm. Materiell beherrschte jedoch ein einziger Vorgang den Abend: die Aufnahme des Ratinger AfD-Ratsmitglieds Bernd Ulrich im Mai 2025, deren vereinsinterne und öffentliche Folgewirkungen den Heimatverein seit Wochen in eine schwere Belastungsprobe führen. Öffentlich dokumentiert ist, dass der Vorstand die Kündigung der Mitgliedschaft Anfang März 2026 einstimmig bestätigte, Ulrich diese akzeptierte und zudem ein Unvereinbarkeitsbeschluss zur Abstimmung der Mitgliederversammlung vorbereitet wurde.
Baas Dr. Edgar Dullni umriss nach deinem Bericht zu Beginn noch einmal den gesamten Verfahrenskomplex und benannte damit den Kern des Problems: Die damalige Aufnahme sei aus seiner Sicht rechtlich vertretbar gewesen, politisch aber eine Fehleinschätzung. Genau darin lag die Bruchlinie des Abends. Auf der einen Seite stand das vereinsrechtliche Selbstverständnis eines überparteilichen, formal diskriminierungsfreien Aufnahmeverfahrens. Auf der anderen Seite stand die politische Wirklichkeit eines Vorgangs, der weit über die Satzungsauslegung hinaus zu einer Vertrauens- und Reputationsfrage geworden ist. Öffentlich hatte Dullni bereits erklärt, er bedaure die Verletzung von Empfindungen in der Mitgliedschaft, weise aber Unterstellungen einer rechtsextremen Unterwanderung entschieden zurück und übernehme die Verantwortung persönlich.
In der Aussprache prallten dann nicht nur Ansichten, sondern zwei Ordnungsvorstellungen aufeinander. Die einen argumentierten aus dem Gleichbehandlungsgrundsatz heraus: Wer politische Neutralität reklamiert, kann die Mitgliedschaft nicht nach bloßer Gesinnungsvermutung ex ante versagen. Die anderen hielten genau diese Neutralität in diesem Fall für politisch naiv und normativ unhaltbar. Damit wurde aus einer Personalie ein Grundsatzstreit über Auslegungshoheit, Grenzziehung und die Frage, ob der Verein auf öffentliche Drucklagen reagiert oder aus eigener normativer Überzeugung handelt.
Bemerkenswert war dabei der offenbar mehrfach formulierte Wunsch Dullnis nach einer sachlichen Auseinandersetzung statt eines politisch aufgeladenen Meinungs- und Vermutungsdiskurses. Das traf den Punkt. Denn seit Tagen läuft die Debatte nicht nur im Verein, sondern ebenso im publizistischen und digitalen Vorfeld. In dem Beitrag „Fragen statt Furor“ wurde genau diese Verschiebung bereits beschrieben: weg von der internen Beratung, hin zu öffentlicher Erregung, moralischer Eskalation und äußerem Erwartungsdruck auf einen traditionsreichen Heimatverein.
Am Ende stellte Dullni die Vertrauensfrage und personalisierte damit die Verantwortung vollständig. Es votierten 149 Mitglieder mit Ja, 36 mit Nein, 11 enthielten sich. Das ist mehr als ein bloßer Mehrheitsentscheid. Es ist ein qualifiziertes politisches Mandat auf Zeit, aber eben kein Freispruch für den Vorgang selbst. Dullni akzeptierte das Votum und kündigte an, dem Verein weiter zur Verfügung zu stehen. Zugleich zog er eine klare operative Konsequenz: Während seiner Amtszeit werde es keine Aufnahme von AfD-Parteimitgliedern mehr geben. Die rechtliche Zulässigkeit tritt damit faktisch hinter politische Zweckmäßigkeit und vereinsinterne Befriedung zurück.
So bleibt unter dem Strich ein doppeltes Ergebnis. Der Baas ist im Amt bestätigt. Der Verein aber bleibt im Konflikt. Die Ratinger Jonges haben an diesem Abend keine finale Bereinigung beschlossen, sondern einen prekären Waffenstillstand unter Satzung, Stimmung und Selbstbehauptung. Oder spitzer formuliert: Das Personal ist vorerst legitimiert, das Verfahren bleibt umstritten, und die politische Hypothek ist damit noch längst nicht ausgebucht.



