Kinder brauchen eine Lobby, Krisenzustand weitet sich aus

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Daniela Wiesler, Prof. Sebastian Kurtenbach, Britta Sülzen, Patrick Anders, Ursula van der Linde, Dr. Jürgen Holtkamp, Maymol Devasia-Demming, Bild: Dirk Drommershausen
Daniela Wiesler, Prof. Sebastian Kurtenbach, Britta Sülzen, Patrick Anders, Ursula van der Linde, Dr. Jürgen Holtkamp, Maymol Devasia-Demming, Bild: Dirk Drommershausen

Ratingen | Es war kein leichter Abend, aber offenbar ein notwendiger. Rund 150 Menschen kamen im Freizeithaus Ratingen-West zusammen, um über ein Thema zu sprechen, das viele Familien, Schulen und Kommunen längst im Alltag spüren: Kinder stehen unter Druck, Bildungschancen gehen auseinander, und eine alternde Gesellschaft läuft Gefahr, die Bedürfnisse der Jüngsten zu übersehen.

Eingeladen hatte der Ratinger Verein Allianz Bildung & Lernen unter dem Titel „Kinder im Krisenzustand“. Geschäftsführerin Maymol Devasia-Demming fand deutliche Worte: „Es ist schlimmer, als wir dachten.“ Gemeint ist ein Befund, der nicht nur abstrakt in Studien steht, sondern in Klassenzimmern, Familien und Betrieben ankommt. Wenn Kinder schlechter lesen, rechnen oder schreiben können, wenn Sprache fehlt, Unterstützung zu Hause nicht ausreicht oder Jugendliche ohne Abschluss bleiben, dann ist das nicht nur ein Problem einzelner Schulen. Es ist eine Frage der Zukunftsfähigkeit einer ganzen Gesellschaft.

Der Sozialwissenschaftler Prof. Sebastian Kurtenbach, Mitautor des Buches „Kinder – Minderheit ohne Schutz“, zeichnete in seinem Vortrag ein eindringliches Bild. Kinder seien in Deutschland in einem Krisenzustand, sagte er. Eine alternde Gesellschaft sei nicht automatisch kindgerecht. Es gebe eine demografische und demokratische Schieflage: Junge Menschen seien von Entscheidungen betroffen, hätten aber oft zu wenig Stimme. Was ihnen fehle, sei ein glaubwürdiges Zukunftsversprechen.

Dass dies kein deutsches Inselthema ist, macht den Befund noch ernster. Auch andere wohlhabende Länder kämpfen mit sinkenden Kompetenzen, wachsender sozialer Ungleichheit, psychischen Belastungen, Fachkräftemangel und der Frage, wie Bildungssysteme Kinder wirklich stark machen können. Deutschland steht damit nicht allein, aber es steht in der Verantwortung, vor Ort Antworten zu finden.

Genau darum ging es in der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Deutschlandfunk-Moderatorin Daniela Wiesler. Dr. Jürgen Holtkamp von der IHK machte deutlich, dass angesichts des Fachkräftebedarfs kein Jugendlicher verloren gehen dürfe: „Jeder Einzelne ist einer zu viel.“ Bürgermeister Patrick Anders verwies darauf, dass der Rat der Stadt hinter dem Thema stehe. In den kommenden Jahren investiere Ratingen 170 Millionen Euro in Kitas, Schulen und Bildung.

Aus der Praxis berichtete Britta Sülzen, Leiterin der Erich Kästner-Schule. Lehrkräfte seien am Limit, Sprachprobleme und fehlende Unterstützung im Elternhaus verschärften die Lage. Umso wichtiger seien Lesementoren, Bildungspaten und Hausaufgabenbetreuer. Ursula van der Linde beschrieb ihr Engagement als Bildungspatin und Lesementorin als bereichernd für beide Seiten. Nicht jede Familie verfüge über Großeltern oder ein stabiles Unterstützungsnetz. Deshalb brauche es wieder mehr Solidarität zwischen den Generationen.

Kurtenbach sprach in diesem Zusammenhang vom „Schatz der alternden Gesellschaft“. Wenn nur ein Teil der älteren Generation sich ehrenamtlich für Kinder engagiere, könne das enorme Wirkung entfalten. Schon heute sind bei der Allianz Bildung & Lernen mehr als 190 Ehrenamtliche aktiv. Sie begleiten Kinder und Jugendliche und schaffen dort Unterstützung, wo sie konkret gebraucht wird.

Auch Beiträge aus dem Plenum, unter anderem von Vertretern des Jugendrates, zeigten: Die Debatte ist nicht beendet, sie hat gerade erst begonnen. Am Ende stand der Eindruck eines Abends, der betroffen machte, aber nicht mutlos. Denn wenn Bürgerschaft, Schulen, Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Ehrenamt gemeinsam handeln, kann aus Sorge Verantwortung werden. Kinder brauchen keine Sonntagsreden. Sie brauchen Zeit, Räume, Förderung, Zutrauen und Menschen, die ihnen zuhören.