Man muss es nicht ändern, es reicht es anders zu benennen.

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Auswahl bei der Deutschland.Supermarkt-Safari, Bild: Alexander Heinz
Auswahl bei der Deutschland.Supermarkt-Safari, Bild: Alexander Heinz

Ratingen (AH) | Früher hatte eine dpa-Meldung etwas Beruhigendes. Nicht im Sinne von „spannend“, sondern im Sinne von: Das stimmt wahrscheinlich. Es war diese spröde, unromantische Verlässlichkeit, die Agenturtexte auszeichnete: knapp, überprüft, unaufgeregt. Ein Drahtbericht war kein Feuerwerk, sondern ein Werkzeug – und genau deshalb war er wertvoll. Wer damit eine Zeitung füllte, signalisierte: Hier wird nicht nur erzählt, hier wird recherchiert.

Heute wirkt vieles, was unter dem Agentur-Label durchs Land wandert, wie eine andere Textsorte. Nicht falsch im engeren Sinne – aber anders kalibriert. Nicht mehr primär auf Faktengewicht, sondern auf Aufmerksamkeitsgewicht. Nicht mehr „Was ist passiert?“, sondern: „Wie kriegen wir aus dem, was ohnehin passiert, noch eine Schlagzeile, die sich bewegt?“ Man kann das Fortschritt nennen. Man kann es Anpassung nennen. Man kann es aber auch schlicht als das beschreiben, was es ist: Lenkung durch Sprache – und zwar nicht als böser Plan, sondern als Routine im Markt, der nach Routine schreit.

Denn der Markt hat sich gedreht. Früher war die Zeitung das Ende einer Nachrichtenpipeline: Auswahl, Gewichtung, Einordnung. Heute steht sie oft da wie ein Regionalzug auf Sicht: Zwischen Breaking News, Push-Nachrichten und Plattform-Alarm muss irgendwas in die Spalten, irgendwas in die Feeds, irgendwas zwischen Sportseite und Vereinsleben. Und die Agentur liefert – nicht nur das, was wichtig ist, sondern zunehmend das, was passt: als Füllstoff, als Rahmenprogramm, als „Service“, als „Trend“. Das ist der Moment, in dem der berühmte Satz kippt: Man muss es nicht ändern, es reicht, es anders zu benennen.

Nur: Ausgerechnet hier ist das Gegenteil passiert. Man hat es nicht anders genannt, macht aber etwas ganz anderes. Es steht noch „dpa“ darunter – doch oft klingt es wie ein Text, der für ein anderes Bedürfnis gebaut wurde: nicht Information, sondern Beruhigung; nicht Erkenntnis, sondern Anschlussfähigkeit; nicht Nachprüfbarkeit, sondern Teilbarkeit.

Das merkt man an den Wörtern. Die neue Textmaschine arbeitet mit Etiketten, vorzugsweise auf Englisch, gerne als Kofferwort, am liebsten als kleines Abzeichen für Zugehörigkeit. Aus Nichtstun wird „JOMO“. Aus bunter Wohnung wird „Dopamine Decor“. Aus Konzertreise wird „Gig-Tripping“. Aus „Im Urlaub mal in einen Supermarkt“ wird eine „Supermarkt-Safari“. Der Alltag bleibt gleich – aber er bekommt einen Namen, und mit dem Namen bekommt er eine neue Würde. Nicht mehr: Ich habe halt eingekauft. Sondern: Ich erlebe Kultur.

Das ist sprachlich brillant und journalistisch unerquicklich. Brillant, weil es mit minimalem Aufwand maximale Bedeutungsproduktion betreibt. Unerquicklich, weil es die Grenze zwischen Beobachtung und Erzählung verwischt: Ein Begriff ist plötzlich ein Ereignis. Ein Etikett wird zur Realität. Der Leser bekommt nicht nur Information, sondern gleich die Gebrauchsanleitung für das Gefühl dazu – und das ist der eigentliche Kniff: Die Sprache liefert die passende Haltung mit. Das banale Leben wird nicht neu, sondern nur neu lackiert.

Nimm den Supermarkt als Kulturprogramm. Natürlich kann man im Ausland durch Regale laufen und sich etwas über Essgewohnheiten, Preise, Verpackungen, Vorlieben denken. Man kann das sogar interessant finden. Aber wenn daraus die Hauptidee „authentisches Erleben“ wird, ist das weniger Reisejournalismus als Sinnproduktion für Bequemlichkeit. Das System verkauft dir Komfort als kulturelle Leistung. Du musst nicht raus aus der Komfortzone – du musst es nur richtig nennen. „Safari“ klingt nach Abenteuer, auch wenn man in Wahrheit zwischen Tiefkühlpizza und Duschgel steht.

Oder nimm das Essen. Kohl und Kartoffel sind keine Entdeckung, sondern Grundrauschen. Sie sind günstig, flexibel, sättigend, seit Generationen vorhanden – und genau deshalb sind sie für viele Menschen relevant. Man muss sie nicht „trendig“ machen, damit sie ihren Wert haben. Doch genau das passiert: Aus einem simplen Lebensmittel wird ein „Star“. Das Wort „Trend“ wirkt wie eine sprachliche Vitaminbrause: einmal reingeworfen, schäumt alles. Dass das „Neue“ oft nur ein kurioses Randbeispiel ist – ein Drink mit irgendeiner Fermentnote, ein Rezept mit exotischer Überschrift – stört nicht. Hauptsache, es gibt einen Glitzerpunkt, an dem man die Erzählung aufhängen kann. Der Kohl bleibt Kohl. Aber der Satz darüber wird zur Inszenierung.

Und dann die Wohnung. Weiß als „Farbe des Jahres“, Weiß als Ruhe, Weiß als Antwort auf die laute Welt. Das ist nicht völlig falsch – viele Menschen greifen zu Weiß, weil es Entscheidungen erspart und Räume „aufmacht“. Nur wird aus einer simplen Strategie gegen Überforderung eine kulturelle Pose: „Quietude“. Das klingt nach innerer Einkehr und nicht nach: Ich will nichts falsch machen. Aus Angst vor Optionen wird ein Stilprogramm. Und wieder: Du musst nichts ändern. Du musst es nur anders benennen.

So entsteht ein eigentümlicher Journalismus, der das Lebensgefühl nicht beschreibt, sondern vermarktet – als Sprachpaket. Er ist nicht einmal zwingend zynisch; er ist funktional. Er füllt Flächen, erzeugt Klickbarkeit, gibt Themen, die niemandem wehtun. Und er passt perfekt in eine Zeit, in der Nachrichten nicht nur informieren sollen, sondern auch „unterhalten“, „entlasten“, „orientieren“. Nur ist Orientierung etwas anderes als Etikettierung. Orientierung bedeutet: Größenordnungen, Gründe, Konflikte, Konsequenzen. Etikettierung bedeutet: ein Name, ein Gefühl, ein Beispiel, fertig.

Parallel dazu wächst im Netz eine zweite, härtere Variante derselben Logik: die Konfliktformel. „X zerstört Y mit seiner Aussage.“ Das ist kein Bericht, das ist ein Bühnenkommando. Es behauptet einen Ausgang, bevor der Inhalt überhaupt stattgefunden hat. Es ersetzt Argumente durch Handlungsvokabular: zerstören, entlarven, vernichten. Die Lüge kommt nicht als Lüge, sondern als implizierte Choreografie: Wenn „zerstört“ wird, muss ja etwas dran sein. Das Spektakel wird zur Wahrheit, der Ausschnitt zur Evidenz. Man feiert die Geburt der Fake News nicht, indem man offen lügt – sondern indem man die Sprache so dreht, dass das Publikum den Rest selbst erledigt.

Und genau hier liegt der eigentliche Verlust, wenn ein verlässlicher Name wie dpa zunehmend als Lieferant auch solcher Textsorten wahrgenommen wird: Es geht nicht um Nostalgie, nicht um „früher war alles besser“. Es geht um eine Verschiebung dessen, was wir unter Nachricht verstehen. Wenn Agenturtext nicht mehr der nüchterne Rohstoff ist, aus dem Redaktionen Einordnung bauen, sondern selbst zur fertigen, stimmungssicheren Ware wird, dann verlagert sich Journalismus von der Prüfung zur Verpackung.

Das Tragische ist: Der Satz „Man muss es nicht ändern, es reicht es anders zu benennen“ stimmt natürlich weiterhin – nur wird er heute umgedreht. Die Oberfläche bleibt: Logo, Kürzel, der Klang von Verlässlichkeit. Der Inhalt aber hat sich an einen Markt angepasst, der nicht nach Wahrheit fragt, sondern nach Verwertung. Man nennt es nicht anders. Man macht nur etwas anderes.

Und vielleicht ist das die moderne Pointe: Während Trendtexte uns versprechen, dass man am Leben nichts ändern muss, wenn man ihm nur einen neuen Namen gibt, zeigt der Nachrichtenbetrieb genau das Gegenteil. Da wird nicht nur umbenannt. Da wird tatsächlich umgebaut – und die Sprache ist der Schraubenschlüssel.