(mmm) Die Mutter Kostümbildnerin, der Vater Schauspieler (u.a. in den 1970er Jahren im ARD-„tatort“ aus Essen an der Seite des legendären Hansjörg Felmy): Aufgewachsen ist Michael Schäfer, Gründer und Leiter des „Kleinen Theater Nebenan“ aus Ratingen, in einer Schauspieler-Familie, Beruf wie Berufung wurden sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Einen Plan-B hat es für den 51-Jährigen denn auch nie gegeben. Vor sechs Jahren zog Schäfer mit seiner Familie nach Engagements u.a. in Berlin, Hamburg, Mainz und Köln (‚Als Theatermensch ist man ein Nomade.“) nach Ratingen-Mitte. Und er wunderte sich: „Eine prosperierende Stadt mit über 90.000 Einwohnern, aber ohne eigenes Theater-Ensemble?“ Für den Theater- und TV-Schauspieler (u.a. „Mord mit Aussicht“) ganz und gar undenkbar. „Das war ein Wink des Schicksals. Ratingen hat Platz für ein kleines Theater.“ Den Worten folgten schnell Taten. Im September 2020 – das war mitten im Corona-Lockdown – gründete Schäfer mit Mut und Herzblut das „Kleine Theater Nebenan“. Zunächst spielten Ratinger für Ratinger. Rolf Berg, Jens Hajek und Alexander von der Groeben standen zur Premiere des Stückes „Kunst“ von Yasmina Reza auf den Brettern, die die Welt bedeuten.
Mittlerweile kann Schäfer auf einen Stamm von 15 bis 20 Schauspielerinnen und Schauspielern aus dem Rheinland wie dem Ruhrgebiet zurückgreifen. Der Anspruch: „Wir leben vom direkten, energetischen Austausch mit dem Publikum, bieten und spielen anspruchsvolle, gleichsam aber auch nahbare Unterhaltung.“ Noch ist das Theater ohne eigene Spielstätte und Schäfer auf permanenter Suche nach einem geeigneten wie bezahlbaren Spielort. Gespielt – im vergangenen Jahr waren es rund 40 Vorstellungen – wird vor allem im Medienzentrum in Ratingen-Mitte sowie im Evangelischen Gemeindehaus Hösel. Die nächste Aufführung gibt es aber beim TuS Lintorf: Am 7. März (19.30 Uhr) spielt Michael Schäfer zusammen mit Rolf Berg die erfolgreiche Komödie „Der Kredit“ des katalanischen Autors Jordi Galceran.
Spielplatz und Abenteuerland
„Theater ist für mich Spielplatz und Abenteuerland, eine faszinierende Welt seit Kindertagen“, erzählt Schäfer, der seinem Vater bei dessen Engagements in Wiesbaden und Wuppertal als junger Steppke über die Schulter gucken durfte und an der Wupper aus unmittelbarer Nähe den Durchbruch des Tanztheaters von Pina Bausch miterlebte. „Das Spannende ist das eigene Mensch-Sein zu entdecken. Die Figuren, die ich spiele, haben in ihrer Anlage alle die gleichen Farben des Regenbogens wie ich – aber es strahlen je nach Charakter jeweils andere Farben größer und heller als bei mir selbst.“ Übersetzt: Schäfer kann, wenn er in die Rolle eines anderen schlüpft, sich in seinen Rollen so ausleben, auch Grenzerfahrungen machen, wie es eben nur im Theater oder am Filmset geht.
Mal sind es Komödien wie „Der Kredit“, mal Klassiker wie der „Tod eines Handlungsreisenden“ mal moderne Stücke wie zuletzt das poetische „Novecento – Die Legende vom Ozeanpianisten“. Apropos „Novecento“: Mit diesem Stück war man jetzt erstmals auf Einladung eines anderen Theaters auf Gastspielreise im Packhaus Theater Bremen im pulsierenden Schnorr-Viertel. Schäfer: „Es ist ein tolles Gefühl, Theater-Kunst, die in Ratingen entstanden ist, auch außerhalb der Stadtgrenzen zu präsentieren.“ Keine Eintagsfliege, denn in wenigen Tagen geht es mit der Inszenierung von „Der Bär & Der Heiratsantrag“ erneut nach Bremen.
Daheim in Ratingen genießt Schäfer derweil „nach dem Sturm und Drang“ in den Großstädten die gemütlichen Seiten an Ratingen mit seinen kurzen Wegen. „Man kennt sich, man redet miteinander, das Familiäre steht im Vordergrund und macht ein Stück Lebensqualität aus.“ Wenn er denn etwas vermisse, dann sei es ein Mehr an Kultur, etwa einen Jazz-Club, eine feste Open-Air-Bühne, ein Tanzhaus oder generell eine kulturelle Club-Szene. Aber das sei wohl unumgängliche der Lauf der Zeit, in der beispielsweise (Opern-) Leuchtturmprojekte beklatscht würden, die Breite der Kulturszene aber wegbreche.




