Schattenseiten

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Schnee an der Stadthalle, Bild: Alexander Heinz
Schnee an der Stadthalle, Bild: Alexander Heinz

Das Winterwetter dieser Tage macht uns ja geradezu sprachlos. Mitten im Hochwinter: Schnee! Das hatte es ja lange nicht gegeben und war uns fremd geworden in Zeiten des Klimawandels. Unsere Kinder kannten den Schnee allenfalls aus dem Urlaub. Und jetzt endlich wieder live bei uns in Ratingen! Und der ansonsten typische rheinische Nieselregen wich an gleich mehreren Tagen dem ersehnten Sonnenschein – gern auch bei frostigen Temperaturen. Für Frühlingsgefühle müsste die Quecksilbersäule noch ein wenig steigen, aber gemach: Wir befinden uns ja noch im Januar.

Das eigentliche Grönland (übersetzt: Grünland) lag ja eigentlich hier. Da waren wir doch froh, dass die weiße Pracht in diesem Jahr unsere Region vor den Begehrlichkeiten eines amerikanischen Präsidenten beschützt hat. Doch nun hat es auch in Grönland geschneit. Hoffentlich trägt das nicht zu (weiterer) Verwirrung im Oval Office bei.

Aber die jetzt wieder länger werdenden Tage, die Sonnenstrahlen nähren die Vorfreude auf den nahenden Frühling. Und sicher werden auch die Tage wieder kommen, an denen man sich, ein Kaltgetränk in der Hand, gerne im Schatten eines Baumes niederlassen und die Seele treiben lassen möchte.

Dafür bestehen in unserer Heimatstadt gute Chancen. Ratingen gilt als eine der waldreichsten Städte im Kreisgebiet Mettmann. Und auch wenn sich große Teile dieser Wälder in Privatbesitz befinden, so sind sie zu großen Teilen öffentlich zugänglich und tragen entschieden dazu bei, Wohlgefühl und Erholung sozusagen vor der Haustür zu finden.

Von 75 Bäumen, die anlässlich des 750-jährigen Stadtjubiläums gepflanzt werden sollen, berichtete Bürgermeister Patrick Anders auf dem Neujahrsempfang der Stadt. Sie sollen nicht nur Schatten spenden, sondern auch die nachwachsenden Generationen an dieses besondere Jahr für Ratingen erinnern. Und ja, auch 75 Bäume liefern einen Beitrag zum Klimaschutz in unserer Stadt.

Wäre es nach den Christdemokraten gegangen, wären im Jahr 2026 sogar 75.000 (!) Bäume gepflanzt worden. Da hatten andere Parteien etwas dagegen, denn der Vorschlag kam ja nicht von ihnen. Und ausgerechnet auch die Grünen, sonst in der Selbsteinschätzung eher Klimaschützer, bemühten ein Argument aus der Mottenkiste des Spätkapitalismus: Mit der Aktion würden allenfalls die Waldbesitzer aus Steuergeldern gepäppelt. Es gibt also gute Bäume und schlechte Bäume. Oder: Das Pflanzen von Bäumen kann Schatten spenden, aber politisch auch eine Schattenseite haben.

Mal abgesehen davon, dass nach dem Pflanzen bei den Waldbesitzern die ganze Arbeit der Hege und Pflege der jungen Bäume bleibt. Und dass die Waldbesitzer durch Wiederaufforstungen ganz erheblich zum Ratinger Waldbestand beitragen. Und dass dies durchaus ein wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz ist. Nein, eine solche Aktion passt nicht in das ideologische, kapitalismuskritische Weltbild. Eine mit gleichem Furor vorgetragene Kritik müssen wir übrigens gerade bei Prämien für E-Autos vermissen. Da passt es ja ins Weltbild.

Nun kommt doch tatsächlich ein junger Ratinger Unternehmer daher und will im Bereich von Schloss Linnep in Breitscheid selbst 200 Bäume pflanzen. Und das auch noch in jedem folgenden Jahr! Also nachhaltig! Will als Ratinger Bürger etwas an die Stadt zurückgeben, die ihm so viel bedeutet. Da kann man nur sagen: Chapeau!

Max v. d. Anger