Was wird aus der Boltenburg

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Wie geht es mit der Bolte weiter ?, Bild: Alexander Heinz
Wie geht es mit der Bolte weiter ?, Bild: Alexander Heinz

Ratingen | Manchmal merkt ein Ort erst, was er an sich hat, wenn das Licht hinter der Theke zu früh ausgeht. Die Boltenburg – für viele schlicht „die Bolt(e)“ – ist so ein Ort. Kein austauschbares Lokal, sondern ein Stück Hösel, das nach Jahren, Gesichtern und Geschichten riecht: nach Feierabendbier, nach Vereinsabenden, nach dem kurzen „Komm, wir setzen uns noch eben“, aus dem dann zwei Stunden werden. Edzard Traumann vom Kulturkreis Hösel bringt es in seinem Aufruf auf den Punkt: Die Bolte ist nicht nur Gastronomie, sie ist ein soziokultureller Treffpunkt. Hier kamen Generationen zusammen – zum Feiern und zum Trauern, nach dem Training, nach Versammlungen, bei Stammtischen von Vereinen und Parteien. Und doch soll nach Angaben des Betreibers Ende Februar 2026 Schluss sein.

Wer heute durch Hösel geht, spürt, wie sehr sich die Landkarte der Begegnungen verändert hat. Früher waren Kneipen, Einkehr-Stuben und Restaurants wie kleine Wärmelampen im Alltag: Man musste nicht „hin“, man konnte einfach landen. Eine Erinnerungsaufzählung aus der Bürgerschaft nennt für die 1960er-Jahre eine beeindruckende Dichte: Bahnhofsgaststätte, Höseler Tor, Pannschoppen, Müschenau, „Zur Eule“, „Am Anker“, Blockhäuschen, (Di)ckelsmühle, Georgenhof, Kastanie, Spindeck – und weitere. Manche Namen sind heute nur noch Erzählung. Aber genau diese Erzählungen zeigen, wie viel „Dorf“ einmal zwischen Haustür und Tresen lag.

Und es ist nicht nur Nostalgie: Mehrere Stationen sind historisch greifbar. Das Höseler Tor war früher als Gaststätte Rademacher bekannt; „vorOrt Hösel & Eggerscheidt“ hält fest, dass es 1983 abgerissen wurde. Der Nofenhof „In den Höfen“, „auch bekannt als Zur alten Kastanie“, erinnert sogar an einen Gemeindebackofen – einen Treffpunkt aus einer Zeit, in der Gemeinschaft nicht organisiert werden musste, weil sie einfach passierte. Der Heimatverein verzeichnet die Gaststätte „Zum hohlen Weg“ (Sinkesbruch 18) als Teil des lokalen Gedächtnisses. Und selbst in städtischen Unterlagen taucht die ehemalige Gaststätte „Am Anker“ (Eggerscheidter Straße 52) auf – nicht als Denkmal, aber als erhaltenswerter Bestand, dessen Sicherung ausdrücklich begründet wurde.

Natürlich ist nicht alles „früher war alles besser“. Ein Teil des Rückgangs ist Zeitgeist: engere Taktung, andere Freizeit, andere Ansprüche, wirtschaftlicher Druck. Und ein anderer Teil ist leiser, aber tiefgreifend: Unser Kommunikationsverhalten hat sich verlagert. Vieles, was früher am Tresen, am Tisch oder vor der Tür besprochen wurde, wandert heute in Chats, in Gruppen, auf Displays. Das ist schnell und effizient. Aber es ist nicht dasselbe.

Denn es gibt Gespräche, die brauchen Nähe. Man kann sie nicht „wegwischen“. Man erkennt sie am stockenden Satz, am Blick, der kurz ausweicht, am plötzlichen Lachen, das mehr sagt als jeder Text. Gefühle trägt man immer noch persönlich aus – ein Emoticon kann kein echtes Lächeln ersetzen. Und genau deshalb sind Orte wie die Bolte mehr als Gastronomie: Sie sind Bühne und Puffer, Ventil und Anker. Ein Ort, an dem man sich nicht nur informiert, sondern gegenseitig aushält. Ein Ort, an dem Hösel nicht nur ein Stadtteil ist, sondern ein „Wir“.

Ja, Hösel hat weiterhin Essen und Trinken: Das Venezia Ristorante/Pizzeria ist da, ebenso das Restaurant „Zum Jakob“ (In den Höfen 35). Dazu kommen Derman Grill und Fast12Kitchen sowie Raststätte und Durchreiseangebote – wichtige Orte für die kulinarische Grundversorgung, für Abholung, Lieferung oder schnellen Imbiss. Aber sie sind in ihrer Funktion meist nicht die klassischen Treffpunkte, an denen man „mal eben“ vorbeischaut, hängen bleibt, zuhört, weitererzählt – und damit das Lokalkolorit am Leben hält.

Genau deshalb ist Traumanns Aufruf mehr als ein Text. Er ist bereits der erste Schritt, damit aus Wehmut kein Schweigen wird. Traumann ist aktiv geworden, sammelt Stimmen, stößt Gespräche an, wirbt für Ideen – kurz: Er kämpft dafür, dass die Bolt(e) nicht einfach verschwindet, sondern als Ort der Begegnung eine Zukunft bekommt.

Und jetzt sind die Höseler gefragt. Denn was einmal weg ist, kommt in der Regel nicht wieder. Ist der Treffpunkt erst verschwunden, zerstreuen sich die Wege, vereinzeln sich die Gewohnheiten – und irgendwann wundert man sich, warum „früher“ alles näher schien. Die Chance, etwas zu bewahren, ist selten. Sie liegt nicht in nostalgischen Parolen, sondern in konkreten Schritten: Ideen sammeln, Initiativen unterstützen, Konzepte möglich machen, Verantwortung teilen.

Vielleicht ist das die Hoffnung, die in dieser Reminiszenz steckt: Dass Hösel nicht nur über den Verlust spricht, sondern über den Mut, etwas zu halten. Nicht, weil die Bolt(e) „von gestern“ wäre – sondern weil ein Stadtteil ohne Orte der Begegnung irgendwann nicht mehr weiß, wie sich Gemeinschaft anfühlt.